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Fliesenleger im Einsatz: Heute ist nicht mehr gewiss, ob er sein Handwerk auch gelernt hat. Vor zehn Jahren wurde die Meisterpflicht für eine Reihe von Berufen abgeschafft. Die Bilanz fällt überwiegend negativ aus.

Verheerende Bilanz

Kampf um die Meisterpflicht geht weiter

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München - Zehn Jahre nach dem Ende der Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk und 52 anderen Gewerken ziehen Handwerkskammer, Baugewerbe und Gewerkschaft eine verheerende Bilanz.

Wer in München heute einen Fliesenleger sucht, hat die Qual der Wahl. Mehr als 2400 Betriebe gibt es in der Landeshauptstadt zur Auswahl – und es werden immer mehr. Ende 2003 war das noch ganz anders. 119 Fliesenleger verlegten mit ihren Betrieben damals in und um München Fliesen und andere Bodenbeläge. In ganz Oberbayern gab es 708 Betriebe – jeder wurde von einem Fliesenleger mit Meisterbrief geführt. Dann wurde die Meisterpflicht für Fliesenleger und 52 andere Handwerke (die sogenannten B1-Berufe) abgeschafft – darunter Raumausstatter, Gebäudereiniger, Uhrmacher, Geigenbauer und Buchbinder. Seit dem 1. Januar 2004 ist Fliesenleger also ein zulassungsfreier Beruf. Jeder kann sich selbstständig machen – ohne Vorkenntnisse oder spezielle Qualifikation. Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Bundesweit hat sich die Zahl der Betriebe in dieser Zeit verfünffacht – auf 68 000.

„Seit der Novellierung der Handwerksordnung ist die Zahl der registrierten Betriebe in den zulassungsfreien B1-Berufen in die Höhe geschnellt“, sagt Heinrich Traublinger, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Am deutlichsten sei diese Entwicklung im Fliesenlegerhandwerk, aber auch andere Berufe erfreuen sich seit der Liberalisierung großer Beliebtheit. So stieg etwa die Zahl der Gebäudereiniger-Betriebe in München von 290 im Jahr 2003 auf über 4500 im Jahr 2013. „85 Prozent aller Neueintragungen sind Betriebsgründungen ohne jeglichen Qualifikationsnachweis“, kritisiert Traublinger. So gut wie keiner der neuen B1-Betriebe bilde aus – für Traublinger eine verheerende Entwicklung.

Die Ausbildung leidet

Auch die Gewerkschaft IG Bau und der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes wünschen sich die alten Zeiten zurück. Qualität und Ausbildungsleistung seien in dem einstigen Vorzeigehandwerk Fliesenleger drastisch gesunken, zogen sie kürzlich Bilanz. Die Liberalisierung habe zu einem gnadenlosen Lohndumping geführt, in dessen Folge selbst florierende Unternehmen ihre Mitarbeiter hätten entlassen müssen.

Bei vielen neuen Betrieben handle es sich um Ein-Mann-Firmen, die häufig als Scheinselbstständige agierten. „Sie bilden das Einfallstor für Illegalität am Bau. Sie erhalten die Zulassung im Fliesenlegerhandwerk, treten aber als Kolonnen auf Baustellen auf und verrichten eine Vielzahl von Tätigkeiten anderer Gewerke, was zu Schäden weit über das eigentliche Fliesenlegerhandwerk hinaus führt“, führte der Präsident des Baugewerbes, Hans-Hartwig Loewenstein, aus.

„Der Wegfall der Meisterpflicht für Fliesenleger hat in eine Sackgasse geführt“, erklärte der stellvertretende IG-Bau-Vorsitzende, Dietmar Schäfers. Wenn nicht gegengesteuert werde, gebe es in wenigen Jahren so gut wie keine Qualitätsbetriebe in dieser Branche mehr. Gewerkschaft und Zentralverband verlangen von der neuen Bundesregierung eine Korrektur der Handwerksordnung. Die Meisterpflicht für Fliesenleger müsse wieder eingeführt werden.

Ohne Frage bewegen sich seit der Liberalisierung auch wenig qualifizierte Handwerker auf dem Markt. Verbraucher haben allerdings Möglichkeiten, sich dagegen zu schützen. Sie können sich etwa an etablierte Betriebe mit gutem Ruf und Meisterbrief wenden. Das hat allerdings auch seinen Preis.

Meisterbrief ist ein Qualitäts-Zertifikat

In anderen Branchen gibt es solche Probleme bisher nicht. Neben den zulassungsfreien Berufen nennt die Handwerksordnung rund 40 zulassungsbeschränkte Handwerksberufe. Einen Dachdecker- oder Klempnerbetrieb darf immer noch nur ein Meister seines Fachs gründen. Doch auch das könnte sich ändern. Wie Anfang Oktober bekannt wurde, will die EU-Kommission gegen den Widerstand aus Deutschland den Zugang zu reglementierten Berufen erleichtern. Dazu zählen in Europa rund 740 Berufe vom Apotheker über Lehrer bis hin zum Handwerksmeister. Die EU-Staaten sollten Zugangsbeschränkungen abbauen, empfahl die EU-Kommission. Dies könne dem Fachkräftemangel abhelfen, das Wirtschaftswachstum ankurbeln und mehr Jobs schaffen.

Kritik kommt vor allem vom Deutschen Handwerk, das um das duale Ausbildungssystem und den Meisterbrief fürchtet. „Ich kann diesen Angriff auf den Meisterbrief nicht verstehen“, sagt Heinrich Traublinger. Der Meisterbrief bilde sowohl in fachlicher als auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht die Basis für eine erfolgreiche Unternehmensgründung und -führung. „Nach fünf Jahren existieren noch gut zwei Drittel der Meisterbetriebe, aber nur noch 40 Prozent der Gründungen von Nichtmeistern.“

Manuela Dollinger

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