Kampf um Milliarden-Auftrag: US-Konzern Boeing greift nach Galileo

München - Deutschen Satellitenkonzernen erwächst beim Galileo-Projekt unverhofft Konkurrenz. Boeing erwägt ein Angebot. Hinter den Kulissen rangeln nun die Lobbyisten.

Bei der Münchner EADS-Raumfahrttochter Astrium will man sich nicht äußern. Auch der Bremer Satellitenbauer OHB gibt sich zugeknöpft. Gleiches gilt für die Verbände der politisch sensiblen Luft- und Raumfahrtbranche. Denn der Vorstoß des US-Konzerns Boeing in Sachen Galileo birgt Zündstoff.

Die Amerikaner wollen sich dem Vernehmen nach für den Bau von 25 Galileo-Satelliten bewerben, was der heimischen Industrie unerwartet Konkurrenz bescheren würde. Ende vorigen Jahres wurde Europas Satellitennavigationsprogramm von der EU neu gestartet, nachdem sich die Industrie mangels Rentabilität aus dem Projekt verabschiedet hatte.

Heftig gerungen wurde dabei hinter den Kulissen in der Frage, welche Firmen sich um die insgesamt 3,4 Milliarden Euro umfassenden Aufträge bewerben dürfen.

Es wurde nach politischem Proporz vorsortiert, wobei der Bau der Galileo-Satelliten zum deutschen Erbhof geriet. Als rivalisierende Anbieter dafür kristallisierten sich Astrium und OHB heraus. Doch nun droht aus dem Duo ein Trio zu werden.

"Wir sind verblüfft", räumt ein deutscher Raumfahrtmanager ein. Zumindest auf den ersten Blick werden Boeing in der Branche gute Chancen eingeräumt. "Technologisch ist das für die kein Problem", stellt ein Experte klar. Denn neben dem US-Konzern Lockheed liefert Boeing seit Jahren die Satelliten für das US-Navigationssystem GPS.

Auch rein rechtlich steht einer Bewerbung des US-Unternehmens nichts im Wege. Denn Galileo konnte zuletzt nur dadurch gerettet werden, dass der Steuerzahler in Form der EU die Finanzierung übernahm. "Nach EU-Vergaberichtlinien muss zwingend weltweit ausgeschrieben werden", erklärt ein Insider.

Der Aufschrei in der heimischen Industrie ist groß. "Es kann doch nicht sein, dass mit europäischen Steuergeldern ein Wettbewerber jenseits des Atlantiks finanziert wird", wettert einer ihrer Vertreter. Industriepolitisch und mit Blick auf die strategische Bedeutung von Galileo sei das ein Unding.

Der ungeliebte US-Konkurrent hat aber auch ein gutes Argument auf seiner Seite. Denn gerade erst wurde in den USA beschlossen, Tankflugzeuge für die US-Luftwaffe von einem Konsortium unter Beteiligung der EADS-Tochter Airbus bauen zu lassen - Auftragsvolumen rund 40 Milliarden Dollar. Die Satellitenaufträge für Galileo werden auf gut eine Milliarde Euro taxiert.

In der deutschen Industrie hält man dagegen: Flugzeuge - auch militärische - einerseits und sicherheitspolitisch entscheidende Navigationssatelliten andererseits seien nicht vergleichbar. Von Aufträgen für GPS-Satelliten seien europäische Firmen deshalb bis heute ausgeschlossen. Das US-System sei ein im Kern militärisches und es falle damit unter die nationale Sicherheit.

Gleichbehandlung würde also nach Lesart der heimischen Industrie bedeuten, dass Boeing nicht für Galileo bieten darf.

Eine Lösung in dieser prekären Frage muss schnell gefunden werden. Denn schon in drei bis vier Wochen will die EU die Ausschreibung für die Galileo-Aufträge starten. Nun gehen aufgeschreckte Lobbyisten an die Arbeit. Ihr Ziel ist es, wie man hört, dass die Richtlinien zur Ausschreibung so gefasst werden, dass Boeing keine Chance hat.

Andere Stimmen verweisen auf die Möglichkeit eines politischen Kompromisses. Denn vieles spricht ohnehin dafür, zwei Lieferanten für die Satelliten zu benennen. Käme nur ein Hersteller zum Zuge, könnte dieser als Monopolist bei Folgeaufträgen die Preise diktieren, sagen Experten.

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