Kampfansage: Der Tarifstreit um die Lokführer eskaliert

Berlin/Frankfurt - Gewohnt schroff eröffnete Manfred Schell am frühen Morgen den Schlagabtausch: "Das beeindruckt mich überhaupt nicht", sagte der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) am Frankfurter Hauptbahnhof mit Blick auf die juristische Kampfansage der Bahn.

Mit Anträgen auf einstweilige Verfügung war der Konzern gegen die zweite Warnstreikwelle der GDL innerhalb von sieben Tagen vorgegangen - und hatte vor den Arbeitsgerichten Düsseldorf und Mainz Erfolg, auch wenn sich unangenehme Folgen für Tausende Reisende nicht mehr verhindern ließen. Am Ende dauerten die bundesweiten Arbeitsniederlegungen statt geplanter drei nur knapp zweieinhalb Stunden.

Dennoch: Der Berufsverkehr wurde empfindlich gestört, weil Lokführer S-Bahnen und Nahverkehrszüge wie vor einer Woche stehen ließen. In Hamburg war das in einem Fall nicht ungefährlich, als ein S-Bahnzug etwa hundert Meter vor dem Hauptbahnhof anhielt. Hunderte Menschen verließen nach Angaben von Fahrgästen den Zug und gingen über die Gleise zu Fuß durch einen Tunnel in den Bahnhof. Die Feuerwehr half bei der Räumung des Zuges.

Die GDL hatte 24 Stunden vorher gewarnt. Also stiegen viele Reisende auf Busse, Tram- und U-Bahnen oder das eigene Auto um. Die Staus auf den Hauptzufahrtsstraßen in die Metropolen waren entsprechend länger. Mancher Reisende hatte gehofft, der Warnstreik werde noch vor dem Beginn um 8.00 Uhr verboten - vergeblich. Noch am Nachmittag zeigten die Anzeigetafeln der Bahnhöfe lange Verspätungen für viele Fernzüge an.

Bis Freitag soll nun wohl erst einmal Ruhe an der Streikfront herrschen. Dann wollen sich Bahnchef Hartmut Mehdorn und Schell in Frankfurt erstmals zu "Verhandlungen" treffen. Bislang gab es lediglich ein "Gespräch" - und das endete nicht gerade harmonisch. Mehdorn kündigte am Dienstag denn auch an, exakt den Tarifabschluss als Angebot auf den Tisch zu legen, auf den sich die Bahn am Montag mit Transnet und GDBA geeinigt hatte. Und das sei doch "ein Spitzen- Angebot" warb Mehdorn: 4,5 Prozent mehr Geld plus eine satte Einmalzahlung von 600 Euro.

Nach den bisherigen Äußerungen Schells ist allerdings eher nicht damit zu rechnen, dass die GDL darauf eingeht. Sie besteht weiter auf einem eigenen Tarifvertrag für das fahrende Personal und auf eine eine deutlich zweistellige Einkommenserhöhung. "Was glaubst du, warum wir nicht in der Transnet sind, Hansen?", schrieben GDL-Mitglieder auf ein Transparent in Anspielung auf Transnet-Chef Norbert Hansen, der das Lohn- und Gehaltsplus zusammen mit der dritten Gewerkschaft GDBA ausgehandelt hatte.

"Das ist eine schwierige Ausgangsposition für den Freitag", sagte Schell und meinte das juristische Vorgehen der Bahn. Dadurch werde die Atmosphäre bewusst vergiftet. Mehdorn kritisierte im Gegenzug das Verhalten der GDL, die erst spät auf die Gerichtsentscheidungen reagiert hatte. "Es ist schon merkwürdig, dass da eine Gewerkschaft einfach ihre Briefkästen nicht leert oder Fernsehen oder Radio anmacht." Auf Polemik will sich der sonst durchaus temperamentvolle Bahnchef aber nicht einlassen. "Ich verspreche Ihnen: Wir bleiben sachlich." Beim Knackpunkt nachgeben will er jedoch auf keinen Fall: "Wir werden noch einmal erklären, das es nicht möglich sein kann, eine Minorität mit einem separaten Tarifvertrag zu versehen."

Von den Gerichten ist derweil noch nicht abschließend entschieden, ob die GDL für einen solchen Tarifvertrag für bestimmte Berufsgruppen streiken darf. Das Mainzer Arbeitsgericht argumentierte, dass die GDL-Warnstreiks die Friedenspflicht verletzten, weil damit zum Teil eine Änderung ungekündigter Tarifverträge durchgesetzt werden solle. Schell wies dies zurück und kündigte an, alle Rechtsmittel gegen die einstweiligen Verfügungen auszuschöpfen. Das nächste Wort dazu haben die Landesarbeitsgerichte.

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