Karikaturenstreit entzweit Dänen

- Kopenhagen - Um die Mohammed-Karikaturen ist nun auch zwischen Dänemarks Regierung und Wirtschaftsvertretern im eigenen Land ein beispiellos harter Streit bis hin zur Drohung mit dem Abzug von Unternehmen ausgebrochen. Nachdem die Regierung Unternehmenskreisen Kapitulationsverhalten gegenüber Druck aus islamischen Ländern und "Prinzipienlosigkeit auf breiter Front" wegen ihrer Profitinteressen vorgeworfen hatte, schlug gestern der Aufsichtsratschef des Pumpenkonzerns Grundfos, Niels Due Jensen, genauso hart zurück: "Die Regierung setzt den mühsam aufgebauten guten Ruf unseres Landes aufs Spiel."

Wenn Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen kritische Unternehmen wie Grundfos im eigenen Land nicht wünsche, solle er das offen sagen, meinte der Chef des Unternehmens mit weltweit 14 000 Beschäftigten. Die Möglichkeit eines Abzugs aller 5000 dänischen Grundfos-Jobs will Jensen "mal so im Raum stehen lassen". Es gehe dabei weniger um eigene Verdienstmöglichkeiten für das erfolgreiche Exportunternehmen. Vielmehr habe Rasmussen mit seiner "primitiven Darstellung des Konfliktes" als Kampf für oder gegen die Meinungsfreiheit "den guten Ruf Dänemarks aufs Spiel gesetzt, den das Königshaus, Diplomaten und nicht zuletzt Wirtschaftsleute in den letzten 20, 25 Jahren aufgebaut haben".

Due Jensen ist nicht der erste, aber bisher gewichtigste Vertreter aus einflussreichen dänischen Unternehmenskreisen, die Rasmussens wieder betont aggressive und kompromisslose Verteidigung der Mohammed-Karikaturen öffentlich als katastrophalen Fehler kritisieren. In der Form zurückhaltender, aber nach außen nicht weniger deutlich, hatte Dänemarks größter Molkereikonzern Arla nach dem Beginn von Boykottaktionen in arabischen Ländern großformatige Anzeigen mit einer Entschuldigung wegen der Verletzung religiöser Gefühle durch die Karikaturen geschaltet. Das konnte freilich nicht verhindern, dass Arla fast einen gesamten Jahresgewinn (53 Millionen Euro) durch arabische Boykottaktionen verloren hat.

Der A.P.-Møller-Konzern, mit Maersk Betreiber der größten Containerschiff-Flotte der Welt und Dänemarks mit Abstand mächtigster Konzern, hatte sich schon vor Ausbruch der Proteste gegenüber Kunden weltweit in diskreter, aber unmissverständlicher Form von den Zeichnungen distanziert.

Aus diesem Konflikt sei nun vor allem durch die Frontalangriffe Rasmussens vom Wochenauftakt ein "regulärer Krieg" zwischen Regierung und Teilen der Wirtschaft geworden, meinte "Berlingske Tidende". Ausdrücklich ins Visier genommen hat Rasmussens Steuerminister Kristian Jensen dabei den Industrieverband DI: "Dort hätte man unsere Freiheitsrechte wohl klarer verteidigen können, statt sich zweideutig zu verhalten und in Wirklichkeit nur an Absatzmärkte zu denken."

DI-Chef Hans Skov Christensen wies den Angriff zurück: "Niemand aus der Wirtschaft will unsere Meinungsfreiheit verkaufen oder beugen." Christensen hatte sich schon lange vor dem Karikaturenstreit als Kritiker der von Rasmussen betont hart geführten dänischen Zuwanderungspolitik mit dazu passender Rhetorik unbeliebt gemacht.

Wenn Dänemark weiter alles "Fremde" wie von den Schießscharten einer Burg aus betrachte und kochendes Teer für "die nicht Willkommenen" bereithalte, werde man bald den eigenen Arbeitskräftebedarf nicht mehr decken können, hatte der Verbandschef schon vor sechs Jahren gewarnt.

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