Karstadt: Zittern auch in München

- Essen/München - Große Krisensitzung bei Karstadt. Nach Zeitungsberichten sollen 8500 der noch etwa 100 000 Mitarbeiter des Konzerns gehen und 77 der 180 Warenhäuser ausgegliedert werden. In München betreibt die Karstadt-Quelle AG 12 Warenhäuser, in Bayern sind es zusammen 25.

<P>Heute sollen die Ergebnisse der gestrigen Aufsichtsratssitzung bekannt gegeben werden. "Berichte kommentieren wir nicht im Vorfeld", mehr war von Elmar Kratz, Sprecher der Unternehmenskommunikation Einzelhandel in Essen, nicht zu erfahren." Am Dienstag werde mitgeteilt, was neu ausgerichtet wird. </P><P>Die Stimmung unter den Mitarbeitern - in München sind es 3300 - ist "nicht gut", sagte Günter Habersetzer, Betriebsratsvorsitzender der Filiale Oberpollinger. Heute tagt der Gesamtbetriebsrat von Karstadt in München. Allerdings gibt es auch Hoffnung, dass die Spareinschnitte hier weniger drastisch ausfallen als in weniger begünstigten Standorten. Im Zentrum, nahe des Stachus, investiert Karstadt viel Geld in einen Umbau. "Der Umbau läuft weiter, Oberpollinger wird neu auf die Beine gestellt", hieß es in dem Münchner Kaufhaus.</P><P>Der in Schwierigkeiten geratene Karstadt-Quelle-Konzern ist eines der traditionsreichsten deutschen Handelsunternehmen. Eine seit Jahren andauernde Talfahrt hat den führenden europäischen Warenhaus- und Versandhandelskonzern in die größte Krise seiner mehr als 120-jährigen Unternehmensgeschichte gestürzt. Zusammen mit dem Unternehmen steht ein über fast ein Jahrhundert außerordentlich erfolgreiches Einzelhandelskonzept auf dem Prüfstand: das gut sortierte Warenhaus in bester Innenstadtlage.</P><P>Die zunehmende Konkurrenz von billigen Discountern auf der grünen Wiese und teuren Nobelläden auf der anderen Seite stellt die Idee des Universal-Kaufhauses in Frage, die im Jahr 1912 mit der Eröffnung des ersten Großstadt-Warenhauses in Deutschland als glanzvolle Neuentdeckung gefeiert wurde. Auf komfortablen 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche bot das von Rudolph Karstadt an der feinen Hamburger Mönckebergstraße eröffnete Kaufhaus der verwöhnten Kundschaft ein für die damalige Zeit überwältigendes Sortiment an Waren unter einem Dach.</P><P>Nach Krieg und Wiederaufbau wagte sich der Handelskonzern in den 70er-Jahren stürmisch in neue Geschäftsfelder. Zuerst stieg er in die Reisebranche (NUR GmbH) ein, dann folgte 1977 die Mehrheitsbeteiligung an dem Versandhändler Neckermann sowie die Eröffnung von Einrichtungs- und Sporthäusern.</P><P>Nach der Wiedervereinigung nahm Karstadt die Geschäfte im Osten wieder auf und stieg 1994 bei dem Konkurrenten Hertie ein. Fünf Jahre später entstand 1999 aus der Verschmelzung der Karstadt AG mit den Quelle-Gesellschaftern Schickedanz Handelswerte GmbH & Co. KG die Karstadt-Quelle AG mit Europas größtem Handels- und Dienstleistungskonzern.</P><P>Das stürmische Wachstum der vergangenen Jahrzehnte ist dem vorwiegend auf das nationale Geschäft konzentrierten Einzelhandelsgiganten nach Ansicht vieler Beobachter jedoch nicht immer gut bekommen. Zehn Jahre nach der Hertie-Fusion gilt der "große Brocken" immer noch als nicht richtig "verdaut". Eine umfassende Bereinigung des auf 180 Warenhäuser angewachsenen Filialnetzes steht daher bei der Sanierung ebenso ganz oben auf der Tagesordnung, wie die Trennung von vielen der neuen Geschäftsfelder.<BR></P>

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