"Katrina": USA kaufen Ölmarkt leer

- Hamburg - In die Chefetagen der deutschen Ölunternehmen zieht langsam Panik ein. Seit Monaten verfolgen die Preisstrategen bei Exxon-Mobil, BP, Total und Shell schon ungläubig immer neue Rekordstände beim Rohölpreis. Doch die einzigartige Preisexplosion am europäischen Ölmarkt in Rotterdam, wo sich die Tonne Benzin an einem einzigen Tag um 20 Prozent verteuerte, macht alle sprachlos.

Von "völlig abgedreht" bis "heller Wahnsinn" reichen die Kommentare. Weil in den USA nach dem Hurrikan "Katrina" zahlreiche Raffinerien stillstehen, kaufen amerikanische Händler alle verfügbaren europäischen Benzinvorräte auf. Die Preise explodierten auf nie zuvor gesehene 850 Dollar je Tonne.

Autofahrer sind genug gebeutelt

Eine Preisrunde von acht Cent je Liter hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. Der deutsche Marktführer Aral wagte am Mittwoch diesen Schritt zunächst nicht, obwohl die Zahlen aus Rotterdam eindeutige Signale gaben: Das gesamte deutsche Tankstellennetz arbeitete in den roten Zahlen. Zaghaft erhöhte Aral die Preise zunächst um vier Cent je Liter. "Der Autofahrer ist doch schon genug gebeutelt", sagte ein Aral-Sprecher. Erst als zunächst Esso und dann Shell ihrer Preise um acht Cent heraufsetzten, kam Aral abends mit einer zweiten Runde hinterher. Die dritte Runde folgte gestern: Erst Total, dann Aral, Shell und Esso erhöhten die Preise um vier Cent pro Liter Benzin und zwei Cent für Diesel.

Diese merkwürdige Dramaturgie zeigt: Die Ölkonzerne befürchten, dass der seit Jahren rückläufige Benzinabsatz nochmals einbricht. Bei Preisen von mehr als 1,40 Euro für den Liter Superbenzin verzichten Autofahrer auf Fahrten oder steigen auf andere Verkehrsmittel um, die mit Verzögerung auf den Preisschub reagieren. Allerdings kündigten gestern die Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel auf breiter Front Erhöhungen auch spürbar oberhalb der Inflationsrate an.

Die Ölfirmen haben ihren Einfluss auf die Preisbildung weitgehend verloren und müssen ohnmächtig ansehen, wie die Finanzmärkte mit ihnen Schlitten fahren und den Ölpreis auf unrealistische Höhen treiben. Das spült den großen multinationalen Firmen zwar einerseits Milliardengewinne in die Kassen, die sie bei der Förderung verdienen. Andererseits verschlechtert es die Konkurrenzfähigkeit des Öls gegenüber anderen Energieträgern, die sich aber auch verteuern. Die Grünen werben im Bundestagswahlkampf schon offensiv mit der Parole: "Weg vom Öl". Das ist keineswegs im Interesse der Branche.

"Wir würden es vorziehen, wenn der Ölpreis weniger stark schwanken würde", sagt Klaus Picard, der Hauptgeschäftsführer des mächtigen Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), der die Interessen der Branche bündelt. Der jüngste Preisschock an der Tankstelle geht allerdings mehr auf Kosten des Wetters als der Spekulanten. Während sich die Preise für Rohöl nur geringfügig erhöhten, explodierten die Benzinpreise. "Die Amerikaner leben auf Kosten der Europäer", sagt Heino Elfert vom Hamburger Energie-Informationsdienst EID. "Wenn ihnen Benzin fehlt, kaufen sie in Rotterdam. Der Benzinpreis hat sich vom Ölpreis abgekoppelt."

Rund 40 Millionen Tonnen Benzin importieren die USA jährlich, davon 25 Millionen Tonnen aus Europa. Das entspricht dem gesamten deutschen Bedarf. Die Ölkonzerne verdienen daran mit, sofern sie Raffinerien betreiben und von der hohen Marge profitieren können. Sie können allerdings nicht ihre hohen Raffineriegewinne verwenden, um die Preise an den Tankstellen zu subventionieren, wo wenig bis gar kein Gewinn anfällt. Das wäre verbotenes Dumping, würde die mittelständischen konzernfreien Tankstellen in den Ruin treiben und das Kartellamt gegen die "Großen" auf den Plan rufen.

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