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Aldi-Abschied von Billigfleisch: Weiterer Branchenriese zieht jetzt nach

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Nach Aldi verkündet nun auch Kaufland, künftig auf Fleisch der niedrigsten Haltungsstufe verzichten zu wollen. Tierschützern geht das nicht weit genug.

Neckarsulm - Der Discounter Aldi hatte erst vor wenigen Tagen verkündet, künftig aus Gründen des Tierwohls kein Fleisch aus den niedrigsten Haltungsstufen mehr zu verkaufen. Nun zieht Kaufland nach. Der Zeitpunkt für diese Revolution am Fleischmarkt ist weder zufällig noch unumstritten: Sowohl Bauern als auch Tierschützer sehen den Schritt kritisch – allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

Aldi & Kaufland: Ab sofort kein Schweinefleisch aus niedrigster Haltungsstufe

Kaufland gab am Donnerstag bekannt, ab sofort kein frisches Schweinefleisch mehr anbieten zu wollen, bei dem die Tierhaltung nur die gesetzlichen Mindestanforderungen erfülle. Die Handelskette bezieht sich dabei auf die Einteilung in vier Stufen:

Die Stallhaltung in der Stufe 1 erfüllt lediglich gesetzliche Anforderungen. Die Tiere verlassen nie den Stall. Die Stufe 2 „Stallhaltung Plus“ bietet ihnen immerhin etwas mehr Platz. Erst ab Stufe 3 „Außenklima“ können die Tiere an die frische Luft, ab der vierten Stufe „Premium“ haben sie draußen auch Auslaufmöglichkeiten. In diese Kategorie fällt beispielsweise Bio-Fleisch. Kaufland verkauft demnach künftig nur noch Fleisch der Stufe 2 oder höher – mit Ausnahme von Importen von Schweinefilets. Lidl kündigte den gleichen Schritt an, der Discounter gehört wie Kaufland zur Schwarz-Gruppe.

Reaktion auf Aldi: Deshalb ist die Änderung bei Kaufland kein Zufall

Dass Kaufland die Änderung jetzt verkündet, ist kein Zufall. Ab dem zweiten Halbjahr 2021 gilt eine neue Regelung im Einzelhandel, die für mehr Transparenz bei Kunden sorgen soll. Bei Produkten aus Schweinefleisch muss künftig eine Haltungskennzeichnung aufgeführt sein. Damit erkennen Verbraucher auf einen Blick, wie die Tiere gehalten wurden und können ihre Kaufentscheidung entsprechend anpassen. Das werde für eine große Änderung in der Branche sorgen, sagt Patrick Klein von der Initiative Tierwohl. „Während Anfang des Jahres rund 80 Prozent des Schweinefleisches der Stufe 1 entstammten, werde ‚in absehbarer Zeit‘ 60 bis 70 Prozent des Angebots aus der Stufe 2 stammen und weitere 10 bis 15 Prozent aus den Stufen 3 und 4“, so Klein.

Kaufland stand zudem wegen einer Ankündigung der Konkurrenz unter Druck: Aldi gab kürzlich als erster Discounter bekannt, ab 2030 komplett auf Fleisch in Stufe 3 und 4 umzustellen, ab 2025 soll die Stufe 1 aus dem Programm fallen. Der Discounter hat einen Marktanteil von 24 Prozent bei Frischfleisch und damit großen Einfluss in der Branche. Rewe will bereits ab Juli 2021 nur noch Fleisch ab Stufe 2 anbieten, Edeka nimmt eigenen Angaben zufolge Stufe 1 kurzfristig und Stufe 2 langfristig komplett aus dem Sortiment.

Billigfleisch-Bann: Tierschützer üben Kritik, Bauern bleiben kritisch

Die Ankündigung von Aldi sorgte zunächst für großen Applaus. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber etwa lobte den Billigfleisch-Bann von Aldi. Tierschützern geht der Schritt von Kaufland, Aldi und Co. allerdings nicht weit genug. Auch die Haltungsstufe 2 garantiere noch keine Standards, die aus Tierschutzsicht akzeptabel seien, sagte eine Sprecherin des Verbandes. Hierfür seien schon die Stufen 3 oder 4 nötig.

Der Bauernverband blickt ebenfalls skeptisch auf die Ankündigung, allerdings aus anderen Gründen. „Ich bin schockiert, wenn Aldi als Erfinder des Discounts in die Offensive geht und maximale Steigerung bei den Tierwohlstandards verkündet“, sagte der Bauernpräsident Walter Heidl. Hintergrund der Äußerung ist die Befürchtung, dass der Bauernverband dann eine geringere Gewinnmarge habe – und damit die Kosten dieser Änderung trage.

An anderer Stelle wurde in puncto Tierwohl bereits gesetzlich nachgebessert: Ab 2022 ist das Töten männlicher Küken verboten. Bislang werden jedes Jahr bis zu 45 Millionen Tiere getötet, da sie keine Eier legen können und nicht genug Fleisch ansetzen.

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