Kein billiges Öl bis 2010

- Der Ölmarkt spielt weiter verrückt: Eine undichte Pipeline in Alaska und der Libanon-Krieg haben die Preise für den begehrten Rohstoff in dieser Woche einmal mehr auf Rekordniveau gehoben. Damit setzt sich der seit Jahren anhaltende Teuerungstrend weiter fort. Wir sprachen mit dem Vize-Chefvolkswirt des britischen Öl-Konzerns BP, Christof Rühl, über die Aufregung um das schwarze Gold.

Herr Rühl, während BP, Shell oder Exxon mit dem teuren Öl Milliarden verdienen, müssen die Autofahrer für Benzin und Diesel Höchstpreise löhnen. Haben Sie Verständnis, wenn über "schamlose Gewinne" in Ihrer Branche geschimpft wird?

Christof Rühl: Ich kann das verstehen. Allerdings ist es nicht so, dass private Mineralölkonzerne wie BP die Preise diktieren. Den Großteil des internationalen Marktes beherrschen staatliche Gesellschaften und die Opec-Länder. Zudem muss man sich die Ursachen für die hohen Gewinne ansehen und das ist der Ölpreis . . .

. . . der sich seit 2001 auf heute gut 78 Dollar verfünffacht hat. Warum?

Christof Rühl: Im Jahr 2004 ist die Weltkonjunktur überraschend stark angesprungen. Das hohe Wachstum in Ländern wie Indien und China hat dafür gesorgt, dass sich die Nachfrage nach Öl mehr als verdoppelt hat. Dadurch sind einerseits die Preise hochgegangen, zugleich wurden durch die erhöhte Förderung die weltweiten Produktionskapazitäten vollständig ausgelastet. Das heißt, der Markt verlor ein Stück seiner Flexibilität, was sich preistreibend auswirkte.

Weil die Gefahr wuchs, dass auf mögliche Förderausfälle nicht mehr reagiert werden kann?

Christof Rühl: Ja, eine gewisse Pufferzone ist wichtig. Als 2003 der zweite Irakkrieg ausbrach, reagierten die Ölpreise kaum, weil es damals noch ausreichend freie Kapazitäten gab, um den irakischen Ausfall auszugleichen. Heute wäre das nicht mehr unbedingt der Fall. Wenn sich also andeutet, dass in einem Land die Förderung etwa durch einen Krieg beeinträchtigt wird, reagiert die Nachfrageseite nervös und nicht nur die Preise, sondern auch die Zukunftspreise steigen. Die Händler sind dann bereit, eine Risikoprämie zu zahlen, um Monate später trotz möglicher Engpässe beliefert zu werden.

Derzeit scheinen sie besonders nervös zu sein: Der Libanon-Konflikt, die anstehende Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko und nicht zuletzt die Schließung des BP-Ölfelds in Alaska (siehe Kasten rechts) hatten die Ölpreise auf Rekordstände von über 78 Dollar getrieben. Durchbrechen wir bald die 90- oder 100-Dollar-Marke?

Christof Rühl: Es ist fast immer alles möglich und die Risiken sind da. Aber man kann das nicht seriös vorhersagen.

Warum beruhigen die Öl-Firmen die Märkte nicht, indem sie neue Förderanlagen bauen und so mehr Produktionskapazitäten schaffen?

Christof Rühl: Es wird investiert. Das Problem ist aber, dass man heute nicht mehr nur nach Texas fahren und ein Loch buddeln kann, damit Öl sprudelt. Die Vorkommen sind nicht mehr so leicht zu erschließen. Es dauert, bis man eine Bohrplattform errichtet hat. Zudem beobachten wir Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent bei den Zulieferern und Terminschwierigkeiten. Wenn Sie bei Halliburton anrufen, . . .

. . . dem US-Unternehmen, das sich auf Öl-Exploration spezialisiert hat, . . .

Christof Rühl: . . . geht keiner ans Telefon, weil die so beschäftigt sind.

Wie viel Zeit wird vergehen, bis die alten Reservekapazitäten wieder aufgebaut sind?

Christof Rühl: Wir glauben, dass es bis Ende 2009 dauern wird, bis man wieder Überschusskapazitäten von mindestens drei Millionen Barrel pro Tag hat, wie es noch Anfang 2004 der Fall war.

Und erst dann fällt der Ölpreis wieder?

Christof Rühl: Man sollte nicht darauf hoffen, dass der Ölpreis in den nächsten Jahren wieder auf das Niveau fällt, das wir noch vor zwei Jahren beobachten konnten. Bis zum Ende der Dekade wird der Preis sicher hoch bleiben. Langfristig kalkulieren wir aber mit einem Ölpreis von 25 Dollar, der die Kapitalkosten decken muss.

Langfristig? Einige Geologen behaupten, dass das Öl-Zeitalter dem Ende entgegengeht. Vielleicht schon in diesem Jahr, so heißt es, könnte das Maximum der weltweiten Förderung erreicht sein. Danach werde immer weniger produziert und der Mangel werde immer eklatanter...

Christof Rühl: Es gibt Leute, die sagen, der gestiegene Preis hätte damit zu tun, dass das Öl ausgeht. Dem ist nicht so. BP veröffentlicht jährlich einen Bericht, in dem wir die weltweiten Reserven auflisten, also die Vorkommen, die man bei gegebenen Preisen und Technologien fördern kann. Und wie jedes Jahr, so haben wir auch diesmal festgestellt, dass die ausgebeutete Menge durch neue Reserven mehr als ersetzt wird. Derzeit reichen sie für über 40 Jahre.

Also wird die Zitrone spätestens dann ausgequetscht sein?

Christof Rühl: Nein. In jedem Jahr entwickeln sich die Fördertechnologien weiter und dadurch vergrößern sich auch die Reserven. So hätte vor 25 Jahren kein Mensch daran gedacht, dass man aus den Ölsänden in Kanada Benzin herstellen kann. Würde man diese Sände tatsächlich ausbeuten, würde das fantastisch lang reichen. Die Frage ist nicht, ob das Öl ausgeht, sondern ob man bereit ist, den immer höheren Preis zu bezahlen inklusive der damit verbundenen Umweltschäden.

Öl wird weiterhin viel kosten, sagt Christof Rühl (unt.). Der 47-Jährige arbeitet seit 2005 bei BP als stellvertretender Chefvolkswirt; der Ölkonzern zählt zu den größten Unternehmen der Welt. Rühl, der in Erlangen geboren wurde, war zuvor für die Weltbank und an verschiedenen Universitäten aktiv.Fotos: ap, BP

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