Nur keine Bange: Vogelgrippe kann die Märkte nicht schrecken

- München - Während Soldaten in weißen Plastikanzügen an der Ostseeküste Vogelkadaver einsammeln, zeigt sich die Wirtschaft in Hochstimmung. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat den höchsten Stand seit 14 Jahren erreicht und der Deutsche Aktien-Index Dax kletterte gestern im Tagesverlauf auf ein neues Viereinhalbjahres-Hoch. Die Vogelgrippe kann die Finanzmärkte nicht schrecken - trotz drastischer Schätzungen über die wirtschaftlichen Folgen einer möglichen Pandemie.

Bislang kann das Vogelgrippe-Virus H5N1 nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Doch was passiert, wenn sich das ändert und eine weltweite Grippewelle unter den Menschen grassiert? Noch weniger als die gesundheitlichen Folgen lassen sich die ökonomischen Konsequenzen einer solchen Pandemie absehen. Doch Rechenspiele gibt es zur Genüge.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat ein Modell für Deutschland erstellt. Demnach würde die Wirtschaft bei einer mittelschweren Epidemie mit 100 000 Toten hierzulande um zwei Prozent schrumpfen und in die Rezession fallen. Das Beratungsunternehmen IAS, das auf Arbeitsschutz spezialisiert ist, glaubt, dass im Fall einer Grippe-Pandemie "wahrscheinlich rund die Hälfte aller Beschäftigten nicht am Arbeitsplatz erscheinen würde".

Die Weltbank schätzt die weltweiten Kosten einer Pandemie auf etwa 800 Milliarden Dollar (670 Milliarden Euro). Der australische Ökonom Warwick McKibbin hat vier verschieden schwere Verläufe einer Pandemie durchgespielt. Grundlage seiner Rechnung ist ein mathematisches Modell, das er anlässlich des Ausbruchs der Lungenseuche Sars im Jahr 2003 entwickelt hat. Demnach würde die weltweite Wirtschaftsproduktion zwischen 0,8 und 13 Prozent sinken, was einem wirtschaftlichen Schaden von 330 Milliarden bis 4,4 Billionen Dollar entspräche.

"Viel zu spekulativ" seien solche Berechnungen, kritisiert Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Man muss sich fragen: Wo ist der Erkenntnisgewinn?" Denn den einzelnen Szenarien werde keine Eintritts-Wahrscheinlichkeit zugeordnet. Es bleibt also bei einem Modell, dessen Relevanz grundsätzlich fraglich ist. Zudem würden psychologische Komponenten vernachlässigt. Das DIW wolle sich an solchen Spekulationen nicht beteiligen.

Ähnlich sehen das viele Banken. Sowohl bei der HypoVereinsbank als auch bei der Deutschen Bank will man keine Einschätzungen abgeben. Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück hat zwar Modelle der wirtschaftlichen Folgen für eigene Zwecke entworfen, will diese aber nicht veröffentlichen. "Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen", sagte eine Sprecherin.

Die Folgen einer Pandemie würden sich wohl an den Finanzmärkten niederschlagen. Doch diese Gefahr ist nach Ansicht von Experten bislang reine Theorie. Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift "Finanztest", empfiehlt Anlegern, Ruhe zu bewahren. Schreckensmodelle für die Märkte könne man ebenso aus der immensen amerikanischen Staatsverschuldung oder den Unruhen im Nahen Osten konstruieren. "Die Vogelgrippe würde ich für mein Anlageverhalten nicht berücksichtigen, es sei denn, ich bin an einem Hähnchenbrater beteiligt oder an einem Unternehmen, das Tamiflu herstellt."

Kein Schreckensszenario: Ökonomen sehen in der Vogelgrippe derzeit nur eine theoretische Gefahr.Foto: dpa

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