1. Startseite
  2. Wirtschaft

Atomkraftwerke als Antwort auf Energie-Sorgen? „Strommangel schreckt mehr als Endlager“

Erstellt:

Kommentare

Atommüll-Behälter
Deutschland ist auf der Suche nach einem Atommüll-Endlager (Symbolbild). © picture alliance / dpa

Atomkraft als Weg aus der Energiekrise? Die habilitierte Historikerin Anna Veronika Wendland spricht im Interview über die Laufzeitverlängerung und Endlager.

München – Die Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges hat eine Debatte zurückgebracht, die längst vorbei zu sein schien: die um die Atomkraft. Während sich die Ampelregierung gerade Mal auf einen Streckbetrieb der beiden süddeutschen Kernkraftwerken entschließen konnte, argumentieren andere bereits für eine längerfristige Nutzung der Atomkraft. Dazu zählt die Historikerin Anna Veronika Wendland, die zum Thema „Kerntechnische Moderne. Atomstädte, nukleare Arbeit und Reaktorsicherheit in Ost- und Westeuropa 1966 – 2021“ habilitiert wurde.

„Bei aller Energienot darf der Klimaschutz nicht vergessen werden“

Frau Wendland, Sie haben seit Monaten einen Weiterbetrieb der drei deutschen Kernkraftwerke gefordert. Nun empfehlen auch die vier Wirtschaftsforschungsinstitute (Ifo, IfW, IWH und RWI), den Ausstieg aus der Atomenergie um einige Jahre zu verschieben. Sind Sie zufrieden?

Es freut mich. Ich bekomme Unterstützung dafür, was ich seit März sage: Bei aller Energienot darf der Klimaschutz nicht vergessen werden. Das macht eine Laufzeitverlängerung der CO2-armen Kernkraftwerke zwingend erforderlich – und zwar für mehrere Jahre. Eigentlich wäre das eine goldene Brücke für die Grünen, Klimaschutz und Versorgungssicherheit zusammenzudenken. Nun hängt alles davon ab, ob Robert Habeck dieser Empfehlung folgt. Bislang will er nur die zwei süddeutschen Kernkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 bis April 2023 weiterlaufen lassen. Das niedersächsische KKW Emsland soll zum Jahresende stillgelegt werden.

Grüne und SPD argumentieren, Emsland würde nicht gebraucht, weil Norddeutschland über genügend Windstrom verfüge. In Bayern und Baden-Württemberg sei das anders. Deshalb sei dort der Weiterbetrieb der beiden KKW erforderlich.

Nein, das ist so nicht richtig, denn KKWs stellen planbare, gesicherte und auch lastfolgefähige Leistung zur Verfügung. Sie sind deshalb für die Netzstabilität von weit größerer Bedeutung als die Windkraft. Dass man im Wirtschaftsministerium der Windkraft nicht ganz traut, illustriert der Hinweis, Emsland könne durch schwimmende Ölkraftwerke ersetzt werden.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ist gegen eine längere Nutzung der Kernenergie, weil es sich um eine Hochrisikotechnologie handele.

Tatsächlich ist die Kernenergie eine Niedrigrisiko-Technologie, Kernkraftwerke gehören mit Luftfahrt oder Hochleistungsmedizin zu den sogenannten Hochzuverlässigkeits-Organisationen. Gemessen an der Stromproduktion ereigneten sich sehr wenige Unfälle, die dann aber gravierend waren. Doch auch unter den 100 größten Industrieunfällen rangiert der schlimmste AKW-Unfall, Tschernobyl, nach der Zahl der Opfer auf Platz 64. Die Risikowahrnehmung der Menschen in Deutschland unterscheidet sich bei der Kerntechnik krass vom tatsächlichen Risiko. Doch wer ständig erzählt bekommt, die Kernenergie sei das Monströseste überhaupt, der wird sie irgendwann auch so wahrnehmen. Hätten die Deutschen eine Hochrisikotechnik abschaffen wollen, so hätten sie sich zuerst die Kohlekraft vornehmen müssen, denn die fordert durch Luftverschmutzung pro Jahr so viele Opfer wie Tschernobyl insgesamt.

„Die Deutschen suchen noch ein Endlager, aber andere Länder sind schon weiter“

Aber Tschernobyl und Fukushima sind nun einmal passiert. Mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat Ex-Kanzlerin Merkel seinerzeit den beschleunigten Ausstieg begründet.

Dabei hat sie allerdings ihre eigenen Experten von der Reaktorsicherheitskommission überfahren. Die haben schon 2011 gesagt, das Unfallgeschehen von Fukushima sei nicht auf die deutschen Anlagen übertragbar. Und zwar nicht, weil es in Bayern keine Tsunamis gibt, sondern weil die deutschen Anlagen selbst einen Tsunami überstehen würden. Sie sind bei der Notstromversorgung, der Flutabsicherung und beim anlageninternen Notfallschutz viel robuster aufgestellt, als es Fukushima war.

Grüne und SPD verweisen auf den Ausfall von zahlreichen Kernkraftwerken in Frankreich und warnen deshalb davor, auf diese Technik zu setzen.

Die Probleme in Frankreich, konstruktionsbedingte Korrosion oder Knappheit der Kühlwasserversorgung bei Dürre, sind das Resultat von verschleppter Modernisierung und Managementfehlern. Das sind aber nicht Probleme der Kernenergie als solcher. Die deutschen Anlagen haben diese Probleme nicht.

Gegen Kernkraftwerke wird vorgebracht, ihre Leistung lasse sich nur schwerfällig regeln. Deshalb könnten sie in einem Stromnetz mit Sonne und Windkraft, deren Leistung naturgemäß stark schwanke, für keinen Ausgleich sorgen.

Nein, das ist ein Mythos. Die deutschen KKWs wurden schon bei ihrer Planung als lastfolgefähige Kraftwerke ausgelegt und nach 2010 nochmals mit einer digitalen Leistungsregelung ausgestattet. Das KKW Isar-2 machte in der Vergangenheit regelmäßig Lastfolge und kann in einem Bereich zwischen 900 und 1400 Megawatt mit 30 Megawatt pro Minute hoch- und runterfahren, das ist einem Gaskraftwerk vergleichbar.

Als Pferdefuß der Kernenergie bleibt aber die ungelöste Endlagerfrage.

Ja, die Deutschen suchen noch ein Endlager, aber andere Länder sind schon weiter. Finnland hat sein Endlager fast fertiggebaut, Schweden und die Schweiz haben einen Standort bestimmt. Deutschland besitzt alle drei Wirtsgesteine für ein Endlager: Steinsalz, Tongestein und Granit. Gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Standortsuche. Dass Deutschland so in Verzug ist, liegt aber auch daran, dass viele Politiker gar kein Interesse an einem Erfolg hatten – der würde ja auch die Atomkraft wieder akzeptabel machen. Grüne und SPD wollten mit Verweis auf die ungelöste Entsorgung den Atomausstieg herbeizwingen. Auch Herr Söder will kein Endlager in Bayern. Doch derzeit ist unabhängig von der Endlagerfrage eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Laufzeitverlängerung. Strommangel und Klimawandel schrecken sie mehr als ein Endlager.

Interview: Hans Dieter Sauer

Auch interessant

Kommentare