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Kernkraftwerke wie hier Biblis in Südhessen kommen wieder in Mode.

Siemens schließt Bündnis mit Rosatom

Kernkraft-Pakt mit dem Kreml

München - Siemens stellt sich auf eine weltweite Renaissance der Atomkraft ein. Um an dem mutmaßlichen Billionengeschäft mitzuverdienen, verbündet sich der Konzern jetzt mit dem russischen Staat.

Die Hauptversammlung des Siemens-Konzerns war bereits einige Stunden vorangeschritten, als Aufsichtsratschef Gerhard Cromme die Geduld verlor: „Ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns hier nicht auf einem Atomkraft-Symposium befinden“, blaffte er, nachdem mehr und mehr Aktionäre ihr Rederecht dazu genutzt hatten, sich für oder gegen die Atomkraft auszusprechen. Das war Ende Januar. Tags zuvor hatte Siemens bekannt gegeben, seine Partnerschaft mit dem französischen Atomkonzern Areva zu beenden – allerdings nicht, um sich aus dem Kernkraftgeschäft zurückzuziehen, sondern um sich unabhängig von den Franzosen stärker zu engagieren. Und diese Pläne will Siemens jetzt mit der russischen Staatsorganisation Rosatom umsetzen.
Siemens hat sich mit Rosatom darauf verständigt, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen, das „die weltweite Marktführerschaft im Kernenergiegeschäft“ anstrebt, wie beide Organisationen mitteilten. Zu den Aktivitäten soll „der Bau neuer sowie die Modernisierung und Ertüchtigung bereits bestehender Kernkraftwerke“ zählen. Allerdings wird es sich nicht um eine gleichberechtigte Partnerschaft handeln. Die Kontrolle wird im Kreml liegen.
Rosatom – eine Behörde, die gleichsam die zivile wie die militärische Atomindustrie des Landes leitet und direkt der russischen Regierung untersteht – behält mit 50 Prozent plus einer Aktie die Mehrheit an dem Gemeinschaftsunternehmen. Die Atomenergie gilt in Russland als „strategisch“. Das heißt, dass sich ausländische Unternehmen hier nur bedingt engagieren dürfen.
Siemens bleibt also der schwächere Partner – wie schon bei Areva, wo der Konzern 34 Prozent der Anteile hatte. Dabei hatten die Münchner als Grund für den Ausstieg dort angegeben, dass man als Minderheitsaktionär nicht ausreichenden Handlungsspielraum habe. Nun erklärte ein Siemens-Sprecher, dass es für die unternehmerische Gestaltungsmöglichkeit nicht von Bedeutung sei, ob man 50 Prozent plus oder minus eine Aktie besitze. Im Gegensatz zu Areva biete Rosatom die Möglichkeit, sich nicht nur beim Neubau von Kernkraftwerken zu engagieren, sondern in die gesamte Kette der Atomtechnologie einzusteigen – von der Urangewinnung bis zur Stilllegung alter Anlagen.
Dass sich Siemens auf den Pakt mit dem Kreml einlässt, hängt auch mit dem immensen Geschäft zusammen, das sich der Konzern von der Kernkraft verspricht. Sie sei ein „unverzichtbarer Bestandteil in einem nachhaltigen Energiemix“ und werde „eine wichtige Rolle bei CO2-armer Stromerzeugung spielen“, sagte Siemens-Chef Peter Löscher. Befürworter der Atomenergie verweisen darauf, dass Kernkraftwerke – im Gegensatz etwa zu Kohlekraftwerken – dazu beitragen könnten, den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren und so dem Klimawandel entgegenzuwirken. Mehrere Länder – darunter Großbritannien, Schweden und Italien – planen deshalb Reaktor-Neubauten. Siemens glaubt, dass bis 2030 weltweit rund 400 neue Kernkraftwerke entstehen würden. Allein dies sei ein Geschäft mit einem Volumen von einer Billion Euro.
Umweltschützer zweifeln an dieser Perspektive. In der Vergangenheit hätten sich ähnliche Planzahlen als unrealistisch erwiesen, warnt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. Angesichts guter Geschäfte von Siemens mit erneuerbaren Energien wie der Windkraft sei die Orientierung an der Kernkraft „rückwärtsgerichtet und nicht nur umweltpolitisch, sondern auch firmenpolitisch falsch“.
Auch die Partnerwahl wirft Fragen auf. Offenbar sind Teile der Bundesregierung nicht erbaut über die Allianz zwischen Siemens und Russland. Ein vertrauliches Papier des Bundeswirtschaftsministeriums, über das der „Spiegel“ berichtet hatte, soll bemängeln, dass die Russen nicht auf „dem letzten Stand der Technik“ seien. Ein Siemens-Sprecher verweist dagegen auf internationale Studien, die ausreichende Standards belegen würden. Doch auch die Rolle des Kreml sorgt für Unbehagen. „Angesichts der schlechten Erfahrungen beim Gas frage ich mich, ob man hier nicht vom Regen in die Traufe kommt“, hatte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz bereits auf der Siemens-Hauptversammlung im Januar gewarnt.
Ohnehin wird der Wechsel von Areva zu Rosatom für Siemens nicht einfach. Der Vertrag mit den Franzosen enthält ein Konkurrenzverbot für acht Jahre. Areva warf Siemens gestern schon Vertragsbruch wegen seiner Pläne vor. Siemens dürfte sich nun um eine Löschung dieser Klausel bemühen. Es könnte teuer werden.

Dominik Müller

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