Kettenreaktion mit weitreichenden Folgen

München - Nach zwei Preisrunden seit Wochenbeginn liegen die Kosten für Diesel und Benzin vor der Osterreisewelle fast wieder auf dem Rekordniveau vom vergangenen Herbst. Ein Liter Benzin kostete am Mittwoch im Bundesschnitt 1,44 Euro, ein Liter Diesel 1,36 Euro.

Eine Shell-Sprecherin begründete die Preiserhöhungen mit den Rekordständen beim Rohöl und hohen Wiederbeschaffungspreisen. Am Freitag beginnen in vielen großen Bundesländern wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen die Osterferien.

Der Dieselpreis hat laut ADAC seine historische Rekordmarke vom November 2007 praktisch schon wieder erreicht. Am Dienstag habe er mit durchschnittlich 1,34 Euro nur noch 0,2 Cent unter dem höchsten Wert aller Zeiten gelegen, teilte der Autoclub mit. Binnen Wochenfrist sei der Dieselpreis um vier Cent gestiegen. Superbenzin wurde im gleichen Zeitraum um 3,2 Cent teurer und kostete demnach am Dienstag durchschnittlich 1,432 Euro pro Liter.

Das Bundeskartellamt hat indes keine Hinweise auf Absprachen der großen Mineralölkonzerne. Der Markt sei vollkommen transparent, "da braucht man keine Absprachen im Hinterzimmer", sagte Kartellamtssprecherin Silke Kaul. Für Preisabsprachen sei der Spielraum auch begrenzt. Allein 60 bis 70 Prozent des Endpreises entfielen auf Steuern und Abgaben wie Mineralöl- und Mehrwertsteuer. Wenn zu Ostern die Preise steigen, sei das mit erhöhter Nachfrage aufgrund von mehr Reisen zu erklären. Auch paralleles Preisverhalten als solches sei nicht anfechtbar. "Auch Hotels heben in der Saison ihre Preise an."

Dollar treibt Ölpreis

Der ADAC macht für die Verteuerung ebenfalls den gestiegenen Ölpreis verantwortlich. Da Öl grundsätzlich in Dollar abgerechnet wird, sind die Förderländer, so etwa die Staaten des Opec-Kartells, versucht, die Dollar-Schwäche durch steigende Ölpreise auszugleichen. Während der Osterferien sollten die Urlauber besonders auf Unterschiede beim Spritpreis im In- und Ausland achten und diese zu ihren Gunsten nutzen, rät der ADAC. Der Ölpreis (WTI) hatte nur knapp die Marke von 110 Dollar verpasst und war auf den Rekordwert von 109,72 Dollar für ein Barrel (159 Liter) gestiegen. Auch Opec-Öl liegt seit gestern auf Rekordniveau: Über 100 Dollar je Barrel. Getrieben wird der Ölpreis nach Einschätzung von Beobachtern vor allem von Spekulation. Marktkenner gehen davon aus, dass Großanleger Vermögen in Sachwerten wie Öl anlegen, um dem Wertverfall des Dollars zu entgehen.

Folgen der Geldspritze

Widersprüchlich waren die Einschätzungen zur Auswirkung der jüngsten Liquiditätsspritze mehrerer Notenbanken für die Finanzmärkte. Allein die US-Notenbank hatte 200 Milliarden Dollar in den Markt gepumpt (wir berichteten). Die Wiener Analysefirma JBC Energy erwartet dadurch fallende Ölpreise, weil der Druck auf die US-Notenbank zu einer weiteren Zinssenkung nun entfallen sei. Andere Analysten erwarten dagegen langfristig steigende Ölpreise, weil nun mehr Dollar-Liquidität im Markt sei, was den Dollarkurs unter Druck setze. Geschwächt wird der Dollar auch dadurch, dass immer mehr Anleger ihr Geld aus dem Dollarraum abziehen, um anderswo höhere Zinsen zu erzielen. Gestern kletterte der Euro zwischenzeitlich auf das Allzeithoch von über 1,55 US-Dollar.

Branchen, die leiden

Verändert sich der Rohölpreis, wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, erklärte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert. Bei Öl, Gas und Strom herrscht ein enger Preiszusammenhang. Gerade auf die klassischen, energieintensiven Industriezweige kämen besondere Belastungen zu. Das betrifft vor allem Chemieunternehmen, die Papierbranche, die Stahlindustrie und die Logistikbranche. Es gebe Konzerne, bei denen der Anteil der Energiekosten über denen der Arbeistkosten liegen. "Das können in manchen Fällen durchaus 40 Prozent aller Kosten eines Unternehmens sein", erklärte Kemfert. Entsprechend steigen oft auch die Preise für die jeweiligen Produkte.

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