Kistenweise Anleger-Frust

Frankfurt - Auf Sackkarren fuhren die Anwälte die Kisten voller Klageunterlagen in den Frankfurter Veranstaltungssaal, in dem der Prozess um den dritten Börsengang der Deutschen Telekom abgehalten wird. Schon zum Auftakt wurde klar: Es wird ein langer, harter Weg für alle Beteiligten.

Es passte ins Bild, dass das Mammutverfahren um Schadensersatz für tausende Anleger gestern nicht pünktlich begann. Der Vorsitzende Richter beim Oberlandesgericht Frankfurt, Christian Dittrich, schaffte es nicht rechtzeitig in das Bürgerhaus Bornheim. Er reiste mit der Bahn an. Doch sein Zug aus Gießen war wegen eines umgestürzten Baums steckengeblieben. Der Prozessbeginn wurde um eine Stunde verschoben. Und Geduld dürfte weiterhin gefragt sein. Eine mögliche schnelle Lösung - ein Vergleich - wurde von der Telekom erneut abgelehnt.

In dem Musterverfahren versucht das Oberlandesgericht Frankfurt zu klären, ob die Telekom wegen falscher Angaben im Börsenprospekt Schadenersatz zahlen muss. Klägeranwalt Andreas Tilp kündigte an, er wolle die Telekom zur Herausgabe von Akten zwingen, die sie bereits bei einer Sammelklage in den USA vorgelegt hatte.

Stellvertretend für die große Zahl der Kläger - es sind rund 17 000 - wird der Fall eines einzelnen Anlegers verhandelt. Allerdings hat das Landgericht Frankfurt in seinem Vorlagebeschluss zahlreiche Punkte auch von den anderen Klägern eingearbeitet. Insgesamt handelt es sich bei dem Arbeitsauftrag an das Oberlandesgericht um 33 Streitpunkte mit 187 Unterpunkten. Den ersten Verhandlungstag verbrachte der Vorsitzende Richter Christian Dittrich weitgehend mit dem Bemühen, im Konsens mit den Anwälten die umfangreiche Vorlage zu straffen und überflüssige Punkte zu streichen.

Der Nachweis falscher Angaben im Börsenprospekt der Telekom würde die sogenannte Prospekthaftung eintreten lassen. Der Konzern könnte zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt werden. Insgesamt geht es nach Angaben beider Seiten um etwa 80 Millionen Euro; der Musterkläger allein fordert 1,65 Millionen Euro.

Telekom-Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz wies Aufforderungen von Klägerseite zurück, einem Vergleich zuzustimmen. Nach Überzeugung des Unternehmens seien die Klagen sämtlich unbegründet, sagte Schmitz. Schon mit Rücksicht auf die rund drei Millionen Aktionäre, die nicht geklagt hätten, könne sich die Telekom deshalb auf einen Vergleich nicht einlassen. Dass sie es in den USA getan und 120 Millionen Dollar gezahlt habe, liege an den Unwägbarkeiten des dortigen Rechtssystems.

Es geht bei dem Prozess um Menschen wie Christa Grehler-Steier. "Ich habe gleich im ersten Jahr zwei Drittel meines Geldes verloren. Danach wurde es von Jahr zu Jahr weniger", klagt die 66 Jahre alte Rentnerin. Sie habe auf die Volksaktie des "sehr guten Unternehmens Telekom" vertraut. Ihre rund 3500 Euro aus einer kleinen Abfindung sind inzwischen auf ein Sechstel geschmolzen. "Ich könnte das Geld jetzt schon gut gebrauchen."

Die deutsche Justiz betritt mit dem bisher größten Anlegerschutzprozess juristisches Neuland. Um das Musterverfahren zu ermöglichen, wurde eigens das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) geschaffen. Es wurde bisher allerdings noch nicht in einem Verfahren dieses Umfangs erprobt.

Erster Schwerpunkt in der weiteren Verhandlung, in der insbesondere die Bewertung von Immobilien der Telekom eine wichtige Rolle spielt, soll der Kauf des US-Mobilfunkunternehmens VoiceStream im Jahr 2001 für rund 34 Milliarden Euro sein. Die Kläger meinen, das Vorhaben sei schon während der Zeichnungsphase der T-Aktie im Mai und Juni 2000 so weit gediehen gewesen, dass es mitteilungspflichtig gewesen wäre. Anwalt Tilp kündigte an, er wolle die Telekom durch das Oberlandesgericht dazu zwingen lassen, die in den USA in diesem Zusammenhang vorgelegten Akten auch in Deutschland vorzulegen. Konzernanwalt Schmitz wies das zurück: Für eine Ausforschung in derartigem Umfang gebe es nach deutschem Recht keine Grundlage.

Der Prozess vor der 23. Zivilkammer ist zunächst auf 17 Verhandlungstage bis Ende Mai angesetzt. Ein Urteil noch in diesem Jahr gilt allerdings als extrem unwahrscheinlich. Eher könnte sich das Verfahren jahrelang hinziehen.

Zeugen sollen ab der kommenden Woche befragt werden: am Montag zunächst Ex-Telekom-Chef Ron Sommer. Für 29. April ist Sommers Nachfolger Kai-Uwe Ricke geladen. Beim dritten Börsengang hatte die T-Aktie einen Ausgabekurs von 66,50 Euro beziehungsweise 63,50 Euro für Frühzeichner. Das Papier hatte da seine beste Zeit schon hinter sich. Der Höchstkurs hatte bei 103,50 Euro gelegen.

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