Klaffende Lehrstellenlücke: 215 000 Jugendliche suchen noch

- München - Vier Monate vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres zeichnet sich ab, dass zehntausende Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle leer ausgehen werden. Die Bundesregierung zeigte sich deswegen am gestrigen "Tag der Ausbildung" alarmiert und kündigte Sofortmaßnahmen an; die SPD forderte mehr Engagement von den Firmen.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos brachte hingegen eine Kürzung der Lehrlingslöhne ins Spiel. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag mahnte zur Gelassenheit.

Nach den aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist die Lage auf dem deutschen Lehrstellenmarkt auch heuer wieder düster: Ende April suchten demnach noch 591 000 junge Menschen nach einer Lehrstelle - 20 300 mehr als vor einem Jahr. Demgegenüber ist die Zahl der unbesetzten Lehrstellen um 6200 auf 345 900 gesunken, woraus sich eine rechnerische Lücke von 215 000 ergibt. 30 000 davon fehlen in Bayern.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte, sie rechne für das Lehrjahr, das am 1. September anläuft, mit einer hochgerechneten Lücke von bis zu 50 000 Plätzen. Dies sei nicht hinnehmbar. Das Bundeskabinett werde morgen beraten, welche "motivierenden" Anstrengungen für mehr Ausbildungsplätze unternommen werden könnten. Zuvor hatte Bildungsministerin Annette Schavan Erleichterungen für ausbildungswillige Betriebe angekündigt.

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck bezeichnete die Lage auf dem Ausbildungsmarkt als bedrückend. Er forderte neue Initiativen von der deutschen Wirtschaft, die derzeit von guten Auftragseingängen und einer guten Konjunktur profitiere. Man erwarte "deutliche und klare Zusagen". Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber sagte unserer Zeitung, in Tarifgesprächen solle auch über eine Kürzung der Lehrlingsgehälter gesprochen werden. Einseitig verfügt werden könne das jedoch nicht.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt löste erneut eine Debatte über die Effizienz des zwischen Wirtschaft, BA und Regierung geschlossenen Ausbildungspakts aus. Das SPD-Präsidium forderte, den Pakt fortzusetzen, aber zugleich weiterzuentwickeln. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock sprach von einer Mogelpackung: "Die Unternehmen haben unter dem Strich nicht mehr, sondern weniger Ausbildungsplätze angeboten."

Der DIHK wies Vorwürfe zurück, die Wirtschaft tue zu wenig für mehr Ausbildungsplätze. "Wir strampeln uns ab, wie die Verrückten", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Bis Ende April seien zwei Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen worden als im Vorjahr. "Wir können also weder Entwarnung rufen noch sollten wir jetzt schon sagen: ist gescheitert." Bislang hätten die IHKs rund 10 000 neue Lehrstellen einwerben können.

Unterdessen verstärkten die 178 Arbeitsagenturen ihre Anstrengungen gegen den Lehrstellenmangel. Bei Firmenbesuchen und Telefonaktionen appellierten die Behördenmitarbeiter an Firmenchefs, zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Ergebnisse sollen heute vorgelegt werden.

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