Klagelied wird zum Krisenfaktor: Manager gegen Dauergejammer

- München - Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Unternehmer oder Lobbyisten klagen - über die Politik der Regierung, über zu hohe Steuern, zu viel Regulierung oder uneinsichtige Gewerkschaften. Das Dauerlamento als Teil des Nationalcharakters gehört nicht nur in der aktuellen konjunkturellen Misere, sondern seit jeher zu den Stereotypen über die Deutschen: "Die Franzosen streiken, die Deutschen jammern", befand der Chefökonom der US-Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Roach.

<P>Angesichts der ohnehin tristen Perspektiven hier zu Lande keimt bei manchem Manager aber nun die Sorge, dass das ständige Klagelied selbst zum Krisenfaktor wird und Konjunktur sowie Standort gefährdet - getreu der Binsenweisheit: "Wenn alle Welt über die Krise redet, dann haben wir die Krise."</P><P>Der Opel-Vorstandsvorsitzende Carl-Peter Forster macht als entscheidende Ursache für die hartnäckige Kaufzurückhaltung der Deutschen denn auch weniger handfeste wirtschaftliche Faktoren als eine tiefe psychologische Verunsicherung der Konsumenten aus: "Täglich neue Ankündigungen aus der Politik und kein konsequentes Handeln schafft kein Klima des Vertrauens, sondern erhöht nur die Sparquote."</P><P>Eine Minderheit von Unternehmern hat erkannt, dass die andauernde Negativstimmung aber auch vom eigenen Lager kräftig geschürt wird: "Wer die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland verbessern will, darf ihn nicht permanent schlecht reden", verlangt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. "Außerdem darf man nicht ständig nur die anderen gesellschaftlichen Gruppen zum Verzicht auf überholte Besitzstände auffordern." Wenn deutsche Unternehmen wirklich etwas für ihr Land tun wollten, müssten sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen. "Jammern hilft nicht": In diese Kerbe schlägt der renommierte Unternehmensberater Roland Berger: "Deutschland in meinem Traum: ein kritischeres, fröhlicheres, positiveres und kommunikativeres Land mit mehr Vertrauen der Menschen in sich selbst und ihre und ihres Landes Zukunft. Dafür hätte ich gern 80 Millionen Lobbyisten."</P><P>Ernsthaft quantifizierbar dürfte der Einfluss der Psychologie auf die Ökonomie aber kaum sein - und Ökonomen warnen davor, die Rolle von Stimmungen zu überschätzen. "Am Ende des Tages entscheiden immer noch knallharte ökonomische Fakten", sagt der Volkswirt der HypoVereinsbank, Thomas Hueck. Der Faktor Psychologie könne daher niemals Katalysator, aber durchaus Verstärker von Auf- oder Abschwüngen sein.</P><P>Wie sehr Optimismus oder Pessimismus zumindest mit im Spiel sind, zeigt ein Projekt der Münchner Großbank. Deren Volkswirte haben mit dem "Handelsblatt" ein Spiegelbild der aktuellen Stimmung entwickelt, den "R-Wort-Index": Dabei wird gezählt, wie oft das Wort Rezession in der Wirtschaftspresse auftaucht. In der bislang letzten Rezession 1993 habe man das R-Wort 1400-mal pro Quartal gezählt, 1999/2000 dagegen nur 200 mal. 2001/2002 sei der Index wieder auf 1200 geschnellt. Zur Zeit liegt der Wert deutlich niedriger - ein Grund dafür könnte sein, dass dieser Tage mancher eher das "D-Wort" als Krisenbegriff entdeckt hat - Deflation. <BR></P>

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