Kleinanleger feiern Dax-Party nicht mit

München - Seit vier Jahren geht am deutschen Aktienmarkt die Post ab. Die Kurse mancher Titel haben sich verdoppelt oder verdreifacht, der viel beachtete Börsenindex Dax hat gerade ein neues Allzeithoch erobert. Doch das Gros der Kleinanleger hat von den Gewinnen keinen Cent eingestrichen.

Wochenlang schlich der Dax zuletzt unterhalb seiner alten Bestmarke herum. An manchen Tagen fehlten dem Deutschen Aktienindex nur ein paar Zähler bis zu den 8136,16 Punkten, zu denen er sich am 7. März 2000 hochgehangelt hatte. Doch immer wieder schreckte das Börsentier zurück. Erst am Freitagmorgen triumphierte der Aufwärtsdrang über den Respekt vor dem historischen Meilenstein: Um kurz nach 9 Uhr traute sich der Leitindex, der die Wertentwicklung der 30 größten börsennotierten Konzerne Deutschlands widerspiegelt, so weit nach oben wie nie zuvor. Die Kurstafel an der Frankfurter Börse zeigte 8151,57.

350 Prozent im Plus

Der Dax hatte sich in den vergangenen Jahren im Sauseschritt und mit nur kurzen Verschnaufpausen der neuen Bestmarke genähert. So beendete der Index seit 2003 jedes Jahr mit einem deutlich höheren Stand, als er es begonnen hatte. Wer im Frühjahr 2003, auf dem Höhepunkt des Börsenausverkaufs, den Mut aufbrachte, Dax-Aktien zu erwerben, hat aus 10 000 Euro Anlagekapital bis heute 37 000 Euro gemacht. Parallel legten auch die kleineren Geschwister M-Dax und Tec-Dax zu, die die Wertentwicklung der mittelgroßen Firmen und der Technologie-Unternehmen widerspiegeln. "Deutsche Aktien sind gefragt wie nie", bilanziert Fidel Helmer, Chef-Aktienhändler bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser.

Stimmungsmacher der Börsenparty war vor allem die gute Weltkonjunktur. Gerade in Osteuropa und China wird seit Jahren immer mehr konsumiert und investiert. Die Waren liefern nicht selten exportstarke deutsche Unternehmen wie BMW oder Bayer, von denen viele den größten Teil ihrer Geschäfte längst im Ausland machen. Die deutsche Industrie, so sagen Fachleute, profitiert damit wie kaum eine andere von der Globalisierung. Das macht ihre Aktien für Investoren so attraktiv.

Abkehr geschworen

Wertvoller sind die Anteilsscheine aber auch geworden, weil sich die Firmen für den harten internationalen Wettbewerb fit gemacht haben. Die Dax-Manager achteten zuletzt verstärkt auf Kosten, trennten sich von wenig rentablen Sparten, verlagerten Fabriken in Billiglohn-Länder und boxten längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich durch. Während die Arbeitnehmer stöhnten, jubelten die Anleger über die steigende Profitabilität der Unternehmen und deckten sich mit deren Papieren ein.

Die Kursgewinne haben allerdings fast nur Großinvestoren eingestrichen. Die meisten Privaten hierzulande setzten lieber auf Sparbücher und Lebensversicherungen, um ihr Geld anzulegen. Nach Angaben der OECD besitzen nur 6,5 Prozent der Deutschen Aktien. Dabei hat sich der Anteil in den vergangenen Jahren noch reduziert: Rund zwei Millionen Bundesbürger haben ihr Depot seit dem Jahr 2000 aufgelöst, berichtet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt. Übrig geblieben sind 4,2 Millionen Aktienbesitzer. Rechnet man die Besitzer von Aktienfonds hinzu, profitieren immerhin zehn Millionen Deutsche vom Börsenaufschwung.

"Die Akzeptanz von Aktien ist unterentwickelt", sagt DAI-Mitarbeiter Franz-Josef Leven. Grund dafür ist nicht zuletzt der Kurssturz nach der Jahrtausendwende. Damals hatte die Internet-Hysterie eine Börsenblase aufgepumpt, aus der nach dem Erreichen des alten Rekordhochs viel heiße Luft entwich. Es stellte sich heraus, dass viele Internet-Firmen auf wachsweiche Geschäftsmodelle bauten. Zudem schickten die Anschläge auf das World Trade Center und die abflauende Konjunktur in Deutschland die Aktien auf Talfahrt. Am 13. März 2003 prallte der Dax bei 2189 Punkten auf. Viele Kleinanleger schworen die ewige Abkehr von der Börse.

Angelockt von den Gewinnen der letzten Zeit wird momentan mancher seinen Abschied überdenken. Doch ob der Zeitpunkt für eine Rückkehr günstig ist, darüber gehen die Ansichten auseinander. "Die Ampeln stehen noch immer auf Grün", sagt Til Albrecht, Fondsmanager bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS in Frankfurt. Er rechnet in den nächsten sechs bis zwölf Monaten mit 9000 Dax-Punkten und schließt danach selbst die magischen 10 000 nicht aus. Andere Experten sehen den Index bis zum Jahresende hingegen stagnieren oder auf 7500 Punkte abschmieren.

Während die Optimisten auf die robuste Weltkonjunktur, den Aufschwung und die günstige Bewertung von Aktien verweisen, machen Skeptikern steigende Zinsen und Ölpreise Angst. "Beide Faktoren muss man im Auge behalten", sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt des Hamburger Geldhauses M. M. Warburg. Sollten sie weiter anziehen, könnte das auf die Gewinne und damit auch die Aktienkurse drücken. Bauchschmerzen bereitet zudem die US-Wirtschaft (s. Kasten).

Weitgehend einig sind sich die Beobachter jedoch darüber, dass der Aktienmarkt anders als vor sieben Jahren noch nicht heiß gelaufen ist. "Das ist heute eine ganz andere Situation", sagt der Münchner Vermögensverwalter Jens Erhardt. Denn die hohen Kurse sind nach Ansicht von Analysten durch die Gewinne gedeckt. Derzeit werden die Dax-Konzerne mit dem 14fachen des für 2007 erwarteten Gewinns bewertet - im historischen Maßstab ist die Börse damit nicht zu teuer. Ein Absturz wie 2001 wird deswegen nicht erwartet. Wohl aber könnte es zu Korrekturen von einigen Hundert Punkten kommen, weil Anleger ihre Gewinne mitnehmen.

"Der Markt wird nervöser", fasst Aktienhändler Helmer die Stimmung auf dem Parkett zusammen. "Aber der positive Trend ist ungebrochen."

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