Kleiner Schritt über die Grenze: Im Mittelstand wächst Standort-Frust

- München - Grüezi und auf Nimmerwiedersehen: Unter Protest verschwindet Milchmogul Theo Müller dieser Tage in die Schweiz. Mit ihm verflüchtigen sich 200 Millionen Euro Erbschaftssteuer. Er wird außerhalb Deutschlands viele bekannte Gesichter treffen _ immer mehr Familienunternehmen wollen weg. Die Müllers, Rodenstocks, Kathreins, Wackers und Co. orientieren sich verstärkt Richtung Ausland.

<P>Jeder siebte Familienunternehmer will Produktion verlagern, hat eine Mittelständler-Umfrage des Manager-Magazins ergeben. Verbände und Kammern ermitteln mitunter noch deutlichere Werte. Die einzelnen Ergebnisse mögen streitbar sein, zeigen aber den Trend: Der Standortfrust treibt jetzt auch den Mittelstand um, das Rückgrat der heimischen Wirtschaft.</P><P>Müller fühlt sich vom Staat gemolken, gar "beraubt und enteignet", und kokettiert nach seiner persönlichen Steuerflucht auch mit dem Umzug des Unternehmenssitzes ins Ausland. Andere, etwa Randolf Rodenstock, verlagern seit Jahren Werke an Billigstandorte, demnächst mal wieder nach Asien oder Osteuropa. Diese Stellen "kommen nie wieder", sagt der Unternehmer. </P><P>Womöglich gilt das auch für den Hauptsitz des Brillenherstellers. Er würde das ja "gern vermeiden", sagte Rodenstock, übrigens Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, aber "ausschließen kann ich gar nichts". Er beobachte gründlich die Debatte um Erbschafts- und Vermögenssteuer.</P><P>Antennenbauer Anton Kathrein hat bereits erfolgreich Standorte in Österreich aufgebaut. Die Wacker-Familie werkelt derzeit an der Verlagerung von hunderten High-Tech-Stellen nach Singapur und Japan. Auch mehrere Pharmabetriebe drohen mit Fahnenflucht. Oft wird argumentiert, ohne kostensparende Verlagerungen seien die Betriebe in Deutschland nicht mehr überlebensfähig.<BR>Der bodenständige, oft familiengeführte Mittelstand wird jedenfalls mobil. "Die Mittelständler denken inzwischen stärker übers Ausland nach", sagt IHK-Geschäftsführer Peter Kammerer. Bürokratie und hohe Lohnkosten schüren Fernweh. China, Osteuropa und Österreich sind gefragter.</P><P>Laut der Umfrage des Magazins hat jeder 20. deutsche Familienbetrieb schon Werke verlagert, jeder hundertste sogar die Zentrale. Die IHK hat für Bayern errechnet, dass jeder vierte Industriebetrieb bis 2006 verlagerungswillig ist. "Ich glaube und hoffe, dass es nicht zum Exodus kommt", sagt Kammerer. Das Zeitfenster für die überfälligen Reformen werde sich aber im nächsten Jahr schließen.</P><P>Dazu passt, dass der Qualitätsbegriff "Made in Germany" an Stellenwert verliert. Nicht mal mehr jeder fünfte Verbraucher im Inland hält die Marke für einen Gewinn. "Made in China" ist kein Kainsmal mehr, Qualität seltener ein Auswander-Hindernis.<BR>Die Gewerkschaften reagieren mit Galgenhumor. Ein IG-Metall-Mann riet neulich einem Unternehmer, die Zentrale gleich in Bagdad zu bauen: "Da gibt es bestimmt besondere Steuervergünstigungen, die noch höher sind als in der Schweiz."<BR></P>

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