Kleinstaaterei droht: Länder wollen die Hoheit über Berufsausbildung

- München - Gibt es nun mehr Ausbildungsplätze, wie die Wirtschaft sagt? Oder sind es weniger, wie Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nahe legen? Während ein Streit zu diesem Thema die Politik beherrscht, schlagen Experten Alarm: Weil die Länder nach der Hoheit über die bisher vom Bund geregelte Berufsausbildung greifen, befürchten sie Kleinstaaterei.

<P>Erwin Teufel, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, würde außer Schüler und Studenten auch gern die Lehrlinge unter seine Fittiche nehmen. Und seinem bayerischer Kollege Edmund Stoiber käme dieses Mehr an Macht ebenfalls gelegen. Wirtschaftsvertreter reagieren entsetzt. "Es kann doch nicht sein, dass in der Eigenbetrachtung der Länder die Ausbildung leidet", sagt Erich Greipl, Präsident der Industrie und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern.<BR><BR>Dabei wäre die Ausbildung nicht notwendigerweise schlechter; sie wäre aber weniger wert. Denn über die Wertigkeiten wird in Brüssel entschieden. Wenn, statt wie bisher der Bund, 16 Bundesländer einzeln auftreten oder gar die umstrittene Kultusministerkonferenz die deutschen Interessen in Ausbildungsfragen vertreten würden, hätten die Deutschen insgesamt im internationalen Vergleich deutlich schlechtere Karten.<BR><BR>"Bewerber mit Piercing nd Tätowierung sind icht gerade die idealen erkäufer in einer Feinkostabteilung"<BR>Erich Greipl<BR><BR>"Das ist Wahnsinn in Potenz", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Reinhard Dörfler. Auch für die Wirtschaft: Ein Mittelständler mit Sitzen in drei Bundesländern müsse sich für jeden Ausbildungsgang mit den Gesetzen dieser drei Länder herumschlagen. "Man muss sich wundern, dass der nötige Bürokratie-Abbau hier nicht gesehen wird", sagt Dörfler.<BR><BR>Dabei könnten die Länder auch etwas tun, um deutschen Jugendlichen bessere Startchancen zu bieten. Denn was sie als Schulabgänger auf das Duale System der beruflichen Bildung loslassen, ist nicht durchgängig ein Beitrag zum hohen Stand dieses Ausbildungssystems. Es gebe zwar "toll qualifizierte und willige Leute" darunter, räumt Greipl ein. Auf der anderen Seite seien die Qualifikationen, "teilweise erschreckend".<BR><BR>Das ist ein Grund, warum immer noch Lehrstellenbewerber ohne Vertrag sind. Doch erklärt das die Zahlen nicht vollständig, die gestern von der Bundesagentur für Arbeit für Bayern veröffentlicht wurden. 5000 Jugendlichen ohne Arbeit stehen 2700 unbesetzte Ausbildungsplätze gegenüber. Die Lücke von 2300 liegt damit ein Mehrfaches über der vom Vorjahr (500).<BR><BR>Die Zahlen die von den Agenturen kommen, seien "absolut irreführend", sagten dagegen Greipl und Dörfler <BR><BR>Die Wirtschaft nämlich sieht das gesteckte Ziel übererfüllt: 2811 neue Stellen haben Industrie und Handel in Bayern versprochen. 4419 neue Ausbildungsplätze kamen heraus. 60 Unternehmer, gehen, wie Greipl sagt, bei möglichen Lehrbetrieben "Klinken putzen". Deren Arbeit bringt zwar neue Lehrstellen. Doch gegenrechnen muss man Verluste, weil Unternehmen insolvent werden, aufgeben oder aus anderen Gründen nicht mehr ausbilden. Und dies, während überdurchschnittlich viele Absolventen aus den Schulen in den Ausbildungsmarkt drängen.<BR><BR>Doch ein Teil der Diskrepanz geht auch auf Mitnahmeeffekte zurück. So würden in der Statistik Bewerber geführt, die gar keine Lehrstelle wollen, sondern sich auf diesem Weg Kindergeldansprüche sichern. Hier könnte ein Datenabgleich zwischen Kammern und Arbeitsverwaltung helfen, der aber aus Datenschutzgründen bisher nicht möglich ist. "Der muss ins neue Berufsbildungsgesetz", fordert Dörfler.<BR><BR></P>

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