Klimawandel hilft Handwerkern

Mittelstandsserie: - München - "Der positive Trend im bayerischen Handwerk setzt sich fort", verkündete Heinrich Traublinger, der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, gestern in München. Jahrelang hinkte die Branche dem wirtschaftlichen Aufschwung hinterher, jetzt hat das Konjunktur-Hoch auch die Handwerker erreicht.

Im ersten Quartal dieses Jahres waren in knapp 67 900 oberbayerischen Handwerksbetrieben 279 000 Menschen beschäftigt - ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auch die Umsatzzahlen legten um fünf Prozent auf 6,2 Milliarden Euro zu. Traublinger räumte allerdings ein, dass sich Auftragsüberhänge aus dem Vorjahr und auch das Wetter positiv auf die aktuellen Quartalszahlen ausgewirkt hätten. Überspitzt formuliert könnte man sagen, das Handwerk profitiert vom Klimawandel und den Bestrebungen, genau diesen aufzuhalten: Durch den warmen Winter blieben die Auftragsbücher voll, der ausbleibende Regen macht Außenarbeiten fast an jedem Tag möglich und umweltfreundliche Modernisierungen von Immobilien bescheren immer neue Aufträge.

Mit etwas Glück könnten mit dem Aufschwung bis Ende des Jahres knapp 3000 neue Stellen allein in Oberbayern geschaffen werden, verspricht Traublinger. Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften sei vor allem im Bau-, Ausbau- und Metallsektor groß.

Das bestätigt auch Elisabeth Renner von der alteingesessenen Münchner Firma Michael Renner Bauunternehmung GmbH. "Wir könnten sofort zehn Leute mehr einstellen und das dauerhaft", sagt die Unternehmersfrau, die zusammen mit ihrem Mann die Geschäfte in der Baufirma führt und Maurer, Zimmerer und Betonbauer sucht. Laut Renner hätten viele Betriebe die Ausbildung jahrelang vernachlässigt, sodass es nun ein "Riesen-Defizit" an Fachkräften gebe.

Dieses Problem kennt auch Traublinger, der überzeugt ist, dass die Umsatzzahlen noch höher hätten ausfallen können, wären mehr Fachkräfte auf dem Markt gewesen. "Zehn Jahre lang wurden ständig Arbeitskräfte abgebaut und größtenteils in Rente geschickt", erklärt der Präsident der Handwerkskammer, "das sind genau die, die uns heute fehlen." Wie groß die Lücke in Bayern genau sei, könne er nicht sagen, nur eine Zahl aus Oberfranken kenne er. Dort würden rund 1800 zusätzliche Fachkräfte benötigt.

Daher sei es umso wichtiger, sich jetzt um qualifizierten Nachwuchs zu bemühen. Immerhin stellten die Handwerksbetriebe bis Ende März 16,2 Prozent mehr Lehrlinge ein als im Vorrjahr. "Diese Zahl ist aber nur eine Momentaufnahme und nicht übers Jahr zu halten", so Heinrich Traublinger.

Bei den Renners steht das Thema Ausbildung seit Jahren ganz weit vorne. Elf Lehrlinge beschäftigt der Betrieb derzeit, fünf sollen heuer noch dazukommen. "Jeder Ausbildungsplatz kostet uns rund 10 000 Euro", rechnet Elisabeth Renner vor, daher sei es keine Selbstverständlichkeit, Lehrlinge zu nehmen. "Aber man muss der Jugend eine Chance geben und sich um Qualität kümmern", meint die Unternehmersfrau. Das heißt für sie und ihren Mann, den Azubis auch mal nach Feierabend oder am Wochenende bei Prüfungsvorbereitungen oder anderen Problemen zu helfen.

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