Klinkenputzen für Lehrstellen

- München - In Bayern soll 2004 jeder Jugendliche eine Lehrstelle bekommen - vorausgesetzt er will arbeiten und die Qualifikationen stimmen. Dies hat sich die bayerische Wirtschaft vorgenommen und deswegen eine "Lehrstellenoffensive" ausgerufen. Damit will sie dem insgesamt rückläufige Ausbildungsplatzangebot begegnen. Die Lehrstellenabgabe lehnen die Verbände ab.

<P>Das von der bayerischen Handwerkskammer und dem Bayerischen Industrie- und Handelskammertag entworfene Sieben-Punkte-Programm zielt vor allem darauf ab, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zu sichern und zu erhöhen. Das soll vor allem durch "Klinkenputzerei" erreicht werden, wie der Geschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages, Reinhard Dörfler, bei der Vorstellung der Aktion erklärte. Demnach sollen ehrenamtliche Mitarbeiter Unternehmer vom Nutzen der Ausbildung überzeugen. Zudem wollen die beiden Wirtschaftskammern neue Ausbildungsbetriebe akquirieren. Vor allem Existenzgründer, ausländische Betriebe und Freiberufler sollen dazu bewegt werden, Lehrlinge einzustellen.</P><P>Ziel sei es, "zumindest einen Ausgleich zwischen unvermittelten Bewerbern und freien Ausbildungsplätzen zu schaffen", sagte Handwerkskammer-Präsident Heinrich Traublinger. Er wies aber darauf hin, dass dies nur bedingt für junge Menschen gelten kann, die nicht ausbildungswillig seien. So seien im letzten Jahr 3900 Jugendliche trotz Zusage gar nicht erst zu ihrer Handwerksausbildung angetreten.</P><P>Auch für Jugendliche, die wegen mangelnder Qualifikation nicht ausbildungsfähig sind, will die Wirtschaft nicht die Verantwortung übernehmen. "Manche können nicht mal bis drei zählen", beschrieb Reinhard Dörfler den Bildungsstand einiger Schulabgänger. Nach seinen Angaben verlassen derzeit über 12 000 junge Menschen die bayerischen Schulen ohne Abschluss. Dies seien Versäumnisse der Schulen und der Elternhäuser.</P><P>Beide Kammervertreter sprachen sich deutlich gegen die von der Bundesregierung geplante Lehrstellenabgabe aus. Sie sei ein "Aprilscherz", der einen gigantischen Bürokratieapparat erfordere und "keinen zusätzlichen Ausbildungsplatz schafft", sagte Dörfler. Vielmehr würden die Unternehmen die Gebühren nutzen, sich von der Ausbildungspflicht frei zu kaufen. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Gewerkschaften, welche die Abgabe befürworten, selber aber deutlich zu wenig ausbilden: "Bei zusammen über 11 000 Mitarbeitern haben sie gerade mal 100 Azubis." Anstatt mehr auszubilden hätten sie bereits angekündigt, die Abgabe zu bezahlen.</P>

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