US-Autoindustrie

Knausern fürs bloße Überleben

Detroit - Nach dem Aus für das Milliarden-Hilfspaket versucht die US-Autoindustrie sich bis zum Machtwechsel in der US-Politik durchzusparen.

Kleinvieh macht auch Mist. General Motors stellt in den Bürotürmen der Zentrale in Detroit nachts Fahrstühle und Rolltreppen ab und knausert beim Büromaterial. Jeder Cent zählt für den US-Autoriesen, wenn er sich ins neue Jahr retten will.
Trotz aller Sparmaßnahmen steht GM und seines Konkurrenten Chrysler das Wasser bis zum Hals. Das milliardenschwere Hilfspaket ist im Senat an den Republikanern gescheitert. „Plan B“ sei jetzt der Präsident, hieß es bei den Demokraten. Nach Einschätzung von Experten wäre es ihre beste Chance, wenn Obama den scheidenden George W. Bush überreden könnte, Geld aus dem Banken-Rettungspaket freizugeben, oder wenn die Notenbank ein Darlehen gäbe. Dieser erklärte sich gestern grundsätzlich zu Hilfen bereit. Doch die Details sind ungeklärt. Vorerst bleibt den Autobauern nur „Plan O“ wie Obama: knapsen, Zahlungen an Zulieferer aufschieben und durchhalten, bis am 20. Januar der neue Chef im Weißen Haus übernimmt.
Schon in den letzten Jahren hat GM drastisch Stellen gekürzt, Werke stillgelegt und allein in diesem Jahr 11 000 Leute in den USA entlassen. Je schneller das Geld zur Neige geht, desto mehr wird gespart, wo es nur geht. So wurde Betriebsinspektoren, die selten an ihrem Schreibtisch sind, der Festnetzanschluss gekappt. Die Auswahl an Schreibstiften wurde ausgedünnt: ein schwarzer, ein blauer und ein roter – und fertig. „Das scheint lächerlich, aber wenn Sie rund 100 000 Beschäftigte haben, die Büromaterial brauchen, muss es nicht so üppig sein“, rechtfertigt Sprecherin Renee Rashid-Merem das Streichkonzert. „Das summiert sich.“
Ob es reicht, ist die Frage. GM hatte durchblicken lassen, dass bis Jahresende das Geld ausgehen könnte. Doch Vorstandsmitglied Kent Kresa erklärte kürzlich, dass man je nach Absatzzahlen bis ins erste Quartal durchhalten könne. Chrysler steht wohl noch näher am Abgrund. Ford hatte sich schon vor zwei Jahren Milliarden gepumpt und wünschte sich jetzt nur einen Kreditrahmen von neun Milliarden für den Fall, dass der Markt sich nicht erholt.
Auf dem Spiel stehen hunderttausende Arbeitsplätze. Die „großen Drei“ beschäftigen 239 000 Mitarbeiter in den USA. Gingen sie alle drei unter, wären einschließlich der von der Automobilindustrie abhängigen Branchen rund 2,5 Millionen Jobs gefährdet.
Ob GM und Chrysler bis Obamas Amtsantritt durchhalten können, hängt nach Einschätzung der Wirtschaftswissenschaftlerin Susan Helper sehr von den Zulieferern ab. Die stehen selbst unter Druck und könnten Vorkasse verlangen. Werden viele von ihnen nervös und wollen Bares sehen, wird es bei den Autoherstellern knapp. „Dann haben wir die Reise nach Jerusalem, wo jeder versucht, nicht am Ende ohne Stuhl dazustehen“, warnt die Branchenexpertin. Das könne die ganze Struktur zum Einsturz bringen. Immerhin: „Bis jetzt sind die Zulieferer unglaublich diszipliniert.

Tom Krisher

Die Mutter am Abgrund: Wie Opel mit der Lage von General Motors umgeht

Folgen für Opel: Die Spannung bei Opel nach dem vorläufigen Scheitern des Rettungspakets für die US-Autoindustrie steigt. Welche Folgen die Entwicklung für Opel oder gar den Mutterkonzern General Motors hat, ist nach den Worten von Regierungssprecher Thomas Steg offen. Sollte Opel allerdings einen Bürgschaftsrahmen beantragen, könne die Bundesregierung „sehr schnell handeln“.
Hilfe bei Kreditklemme: In Deutschland werde weiter mit der Bundesregierung und den vier Bundesländern mit Opel-Werken über eine Bürgschaft verhandelt, hieß es bei GM Europa. In diesen Gesprächen werde eine Lösung für den Fall vorbereitet, dass GM den Opel-Betrieb nicht mehr finanzieren könne und Opel auf dem freien Markt keine Kredite mehr erhalte.
Gelder sollen nicht versanden: Voraussetzung für die Hilfe bleibt laut Steg, dass sie bei den Opel-Standorten in Deutschland ankomme und nicht bei GM versandet. Bereits Mitte November hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bereitschaft der Bundesregierung zur Hilfe unterstrichen. Ob sie nötig sei, hänge von der Entwicklung in den USA ab, hatte die Kanzlerin erklärt.
Kosten senken und weitermachen: Trotz des geplatzten Hilfspakets werde General Motors in Europa wie bisher weiterarbeiten: „Wir sind dabei, unsere Kostenstruktur drastisch zu senken und führen unsere wichtigsten Produktprogramme wie den Opel ,Insignia’ fort, um unser Geschäft zu aufrechtzuerhalten“, hieß es.
Experte im Zwielicht: Juristisch will Opel gegen den häufig als Autoexperten zitierten Ferdinand Dudenhöffer vorgehen. Es sei nicht mehr tragbar, was Dudenhöffer über das Unternehmen verbreite, ohne die internen Zahlen zu kennen, sagte ein Unternehmenssprecher. Dudenhöffer hatte eine Pleite von General Motors „vor oder kurz nach Weihnachten“ vorhergesagt, falls keine Staatshilfen flössen. Die Adam Opel GmbH werde dann „spätestens ein halbes Jahr später“ folgen.#
dpa/ap

Rubriklistenbild: © dpa

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