Signalstörung: Verzögerungen und Zugausfälle auf der Stammstrecke

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Karen Walkenhorst verantwortet bei der Techniker Krankenkasse die Unternehmensbereiche Mitgliedschaft und Beiträge, Markt und Kunde sowie Personal. Sie ist seit mehr als 20 Jahren im Gesundheitswesen tätig – arbeitete unter anderem für den Verband der Ersatzkassen (vdek), und das Bundesgesundheitsministerium.

TK-Vorstandsmitglied Karen Walkenhorst im  Interview 

Können Versicherte bald per Smartphone auf ihre Gesundheitsdaten zugreifen?

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Die Techniker Krankenkasse ist mit rund 10 Millionen Versicherten die größte deutsche Kasse. Vorstandsmitglied Karen Walkenhorst spricht im Interview über das Zukunfts-Szenario für die Versicherungen und ihre Kunden.

München – Karen Walkenhorst vom TK-Vorstand spricht im Interview über digitale Gefahren und Chancen, Verzerrungen im Wettbewerb und die Zukunft der privaten Konkurrenz.

-Frau Walkenhorst, wie werde ich in einigen Jahren als Patient meine Gesundheitsdaten verwalten?

Alle Versicherten werden bald die Gelegenheit haben, ihre Gesundheitsdaten in einer sicheren elektronischen Akte zu speichern, die sie von ihrem Smartphone aus mobil einsehen können. Dieses Ziel verfolgt ja auch Gesundheitsminister Jens Spahn.

-Welche Ansprüche werden diese elektronischen Gesundheitsakten erfüllen müssen?

Natürlich müssen sie zunächst einmal sicher sein. Das bedeutet, dass allein der Versicherte und niemand sonst Zugriff auf die Daten hat. Auch wir als Krankenkasse nicht. Gleichzeitig muss es möglich sein, Informationen so zu nutzen, wie wir es heute gewohnt sind. Mobil, auf dem Smartphone.

-Wie soll das konkret aussehen?

Wir stellen dem Versicherten seine relevanten Gesundheitsinformationen zur Verfügung. Der Patient selbst kann entscheiden, ob er sie in der Gesundheitsakte abspeichert, auf die er über sein Smartphone zugreift. Unsere Speicherfristen, nach denen wir als Kasse die Daten aufbewahren dürfen, gelten natürlich weiter. Das heißt: Nach spätestens zehn Jahren müssen wir alle Aufzeichnungen von unserem eigenen Server löschen. Doch der Versicherte kann sie künftig in seiner eigenen Akte so lange weiter aufbewahren, wie er das möchte. Er selbst kann auch bestimmen, wem er seine Daten zur Verfügung stellen möchte. Das wird die Gesundheitsversorgung verändern und birgt ganz neue Möglichkeiten, beispielsweise für individuelle Therapien.

-Die rechtlichen Grundlagen für die Nutzung auf dem Smartphone will Jens Spahn nun festlegen. Geht jetzt also alles ganz schnell?

Offensichtlich kommt gerade richtig Bewegung in die Digitalisierung. Das freut uns. Für die Versicherten wäre das natürlich ein großer Pluspunkt, wenn sie künftig ihre Gesundheitsdaten standardisiert bequem über Smartphone oder Tablet einsehen können.

-Brauchen wir denn dann die elektronische Gesundheitskarte (eGK) überhaupt noch?

Die Versichertenkarte mit Chip erfüllt bislang leider all die digitalen Funktionen nicht, die sie längst können sollte. Um die elektronische Gesundheitsakte zu betreiben, benötigt man die Gesundheitskarte nicht. Das Gesetz, das die Grundlage für die Karte stellt, ist weit über ein Jahrzehnt alt. Seitdem hat sich die Technik enorm weiterentwickelt. Was wir aber immer noch brauchen ist die Datenautobahn, die sogenannte Telematik-Infrastruktur, die die Arztpraxen und Krankenhäuser miteinander und mit uns verbindet.

„In der Vergangenheit gab es eine gewisse  Blockadehaltung“

-An diese Datenautobahn sollten ja eigentlich bis Jahresende alle Praxen angeschlossen sein. Dieses Ziel scheint noch weit entfernt. Blockieren die Ärzte die Entwicklung?

In der Vergangenheit gab es tatsächlich eine gewisse Blockadehaltung von einigen Playern im Gesundheitswesen. Oft ging es, glaube ich, dabei vielmehr um Ideologie als um tatsächliche technische Fragen. Doch mittlerweile haben wir von den Kassenärzten auf Bundesebene die klare Aussage, dass sie bereit sind, die Daten aus den Praxen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollen die Ärzte nicht, dass dazu von außen auf die Praxissysteme zugegriffen wird. Diese Fragen sind aber alle technisch lösbar. Ich glaube, dass es nun tatsächlich vorangeht, weil alle gemerkt haben, dass man die Entwicklung nicht aufhalten kann, selbst wenn man das will. Und wenn wir es nicht selbst anpacken, dann tun es andere.

-Wer denn?

Kommerzielle Anbieter wie Apple oder Google. Wenn Sie heute ein iPhone kaufen, ist dort bereits eine Aktenfunktion enthalten. Der Gesundheitsmarkt ist ja ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Deshalb investieren große Konzerne gerade viel Geld in den Einstieg. Wir müssen wirklich aufpassen. Wenn wir als Krankenkassen das nicht machen, werden internationale Konzerne Akten anbieten und die Daten kommerzialisieren.

Plädoyer für Datenschutz und Patientensouveränität

-Was wäre daran denn so schlimm?

Überlegen Sie selbst, wie schnell Sie Datenschutzerklärungen im Internet wegklicken, weil es bequemer ist. Das würde auch bei den Gesundheitsdaten ganz oft geschehen. Alles, was uns wichtig ist – Datenschutz, Patientensouveränität – wäre dann nicht garantiert.

-Wie froh sind Sie angesichts dieser Situation über einen Gesundheitsminister, der das Thema voranbringt?

Es ist toll, dass jemand Gesundheitsminister ist, der von der Materie so viel versteht. Er will etwas bewegen, das ist spannend.

-Aber?

Jens Spahn stößt ja nicht nur zum Thema Digitalisierung Gesetze an. Derzeit ist viel Geld im System, das weckt Begehrlichkeiten. Herr Spahn möchte nun die Kassen zwingen, Rücklagen abzubauen und die Reserven auf eine Monatsausgabe reduzieren. Die TK hat über einen langen Zeitraum Rücklagen in maximal erlaubter Höhe aufgebaut. Was darüber hinausging, haben wir als zusätzliche Leistung, Beitragssatzsenkung oder Dividendenzahlung an die Mitglieder zurückgegeben. Einige Kassen haben allerdings Rücklagen gesammelt, die teilweise deutlich über dem derzeitigen Maximum von 1,5 Monatsrücklagen liegen.

-Spahn hat sich verpflichtet, erst den Finanzausgleich der Kassen zu reformieren, bevor die Rücklagen durch Beitragssenkungen abgeschmolzen werden können.

Das stimmt. Wir sind bereits gespannt, wie er das angeht. Denn das ist tatsächlich eine Mammutaufgabe. Wir fordern ja schon seit Jahren Reformen auf diesem Gebiet. Es kann nicht sein, dass die AOK-Gemeinschaft jährlich 1,5 Milliarden aus dem Gesundheitsfonds mehr erhält als sie für die Versorgung ihrer Versicherten benötigt – und die Ersatzkassen eine Milliarde zu wenig. Deshalb ist klar: Wenn die Rücklagen abgebaut werden sollen, müssen gleichzeitig der Finanzausgleich reformiert und vor allem die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds manipulationssicher gestaltet werden. Andernfalls werden dadurch die Unterschiede zwischen den Kassenarten nur noch weiter verschärft. Diese Unterschiede entstehen, weil einige Kassen es besonders gut schaffen das System zu ihrem Vorteil zu nutzen und nicht weil sie leistungsfähiger sind.

-Im Wettbewerb stehen Sie auch mit den Privaten Krankenversicherungen (PKV), denen einige eine schwere Zukunft voraussagen. Sie auch?

Selbst in der PKV-Branche scheint man ja gerade zu merken, dass ihr Modell kein Zukunftsgeschäft ist. Das Ende der PKV in der Vollversorgung ist deshalb nur noch eine Frage der Zeit. Ich bin heute 52 Jahre alt und würde es gerne noch in meinem Berufsleben erleben. Und ich glaube, das werde ich auch. Ich fände das auch aus einer ganz grundsätzlichen Überzeugung heraus richtig: In unserem System gilt das Solidarprinzip. Das heißt: Alle zahlen nach ihrer Leistungsfähigkeit ein, Gesunde und Starke für Kranke und Alte. Aber ein Teil unserer Gesellschaft, oft Menschen mit besonders gutem Einkommen, kann sich dem entziehen, und sichert sich privat ab. Warum?

Interview: Sebastian Horsch
und Sebastian Hölzle

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