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Statt im Laden Kunden zu beraten, steht Schuhhändler Alfons Nißl immer öfter im Keller, um für Zalando Pakete zu verschicken. Ohne die Kooperation mit Internet-Riesen könnte er sein Schuhgeschäft kaum halten.

Onlineshopping

Können Zalando und Co. den Einzelhandel retten?

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Markt Indersdorf – Eine ganze Einzelhändler-Generation spürt einen nie dagewesenen Druck: Die Kundschaft kauft online statt im Laden. Das Paradoxe: Als Retter vieler Läden könnten sich ausgerechnet Konzerne wie Zalando oder Amazon erweisen.

Der Oktober des Jahres 2016 endete für Alfons Nißl mit einem Schock: Der Schuhhändler aus Markt Indersdorf im Landkreis Dachau hatte sich an den Rechner gesetzt, um sich vom Computer die Verkaufszahlen ausrechnen zu lassen. Das Ergebnis sollte dem Schuhverkäufer aber noch am darauf folgenden Wochenende schlaflose Nächte bereiten, so wird es Nißl später erzählen.

Um zu verstehen, dass eine einzige Zahl dem Händler das Wochenende vermasselte, muss man wissen: Nißl bezeichnet sich selbst als „eingefleischten Einzelhändler“. Erst vor Kurzem hat er den Laden modernisieren lassen, die 10 000 Indersdorfer sollten ihre Schuhe in einem schick designten Geschäft kaufen. Viel Geld hat Nißl in die Sanierung gesteckt, der letzte Urlaub mit seiner Frau und den beiden Kindern liegt viele Jahre zurück.

Und obwohl die Familie ihr Geld und ihr Herzblut in den Laden investiert hat: In den vergangenen Jahren hat Nißl beobachtet, dass sich immer weniger Indersdorfer in seinem Laden blicken ließen. „Selbst Stammkunden blieben aus“, klagt der 48-Jährige – dabei betreibt Nißl den Laden seit über 20 Jahren. 1992 hat er das Geschäft vom Vater übernommen, der hatte das Schuhhaus in den 60-er Jahren aufgebaut.

Die große Veränderung setzte schleichend ein: Nißl Junior erhielt vor ein paar Jahren einen Anruf von Amazon, ob er nicht über die Plattform Schuhe verkaufen wolle. Ein Jahr lang habe er nicht auf die Anfrage reagiert, erzählt Nißl, er habe ja genug Kunden gehabt. Als aber der Laden immer öfter leer blieb, stellte Nißl über Amazon die ersten Angebote ins Netz. Ging die Bestellung ein, musste der Nißl die Schuhe nur noch in Pappschachteln verpacken und zur Post bringen. Amazon überwies ihm das Geld und behielt im Gegenzug eine kleine Provision.

Allmählich stiegen die Verkäufe – aber erst im Oktober 2016 sorgten die Zahlen für Verblüffung: „Der Oktober war der erste Monat, in dem ich die Hälfte meines Umsatzes mit dem Internet-Versand gemacht habe.“ Auf einen Schlag war sich Nißl nicht mehr ganz sicher, ob er noch immer ein „eingefleischter Einzelhändler“ war – oder ob er sich ungewollt zum Online-Händler entwickelt hat, obwohl sein Herz doch für den Laden schlägt.

Nißl ist nicht der einzige Ladenbesitzer, der den Druck aus dem Netz zu spüren bekommt. Jüngste Zahlen des Branchenverbandes HDE belegen: Seit 2009 haben sich die Umsätze im deutschen Online-Handel mehr als verdoppelt. und vergangenes Jahr machte das Wachstum noch einmal einen kräftigen Sprung. Waren im Wert von 44 Milliarden Euro wurden 2016 über das Internet verkauft – 4,2 Milliarden Euro mehr als noch ein Jahr zuvor, erstmals entfielen 20 Prozent aller Einzelhandels-Umsätze auf den Online-Verkauf.

Für kleine Läden bedeutet das: Wer im großen Online-Geschäft nicht mitspielen will oder schlicht keine Ressourcen dazu hat, dem droht die Pleite. Traditionshäuser, die über Jahrzehnte das Gesicht von Fußgängerzonen prägten, verabschieden sich von ihren Kunden mit einem großen Räumungsverkauf.

Im Schuhhandel hat nicht nur Amazon die stationären Händler verdrängt. Vor neun Jahren begannen drei Freunde aus Koblenzer Studententagen, den Handel mit Schuhen und Modeartikeln aufzumischen. David Schneider, Robert Gentz und Rubin Ritter überzeugten Investoren davon, ihr Kapital in einen Online-Shop namens Zalando zu stecken. Mit dem Geld finanzierten die Jungunternehmer eine Werbekampagne („Schrei vor Glück!“), Zalando wurde zur europaweit bekannten Marke.

Das Trio wollte beweisen, dass es möglich ist, beratungsintensive Produkte wie Schuhe massenweise im Internet zu verkaufen. Trotz heftiger Rückschläge gelang es dem Trio, aus dem Nichts einen der zehn umsatzstärksten deutschen Online-Shops zu formen. 2014 brachten die Firmengründer Zalando an die Börse, mit frischem Kapital für die weitere Expansion notierte Zalando bereits wenige Monate später im MDax der mittelgroßen Unternehmen. Die Anleger sind vom Erfolg des Schuhverkaufs über das Internet überzeugt: Seit dem Börsenstart hat sich der Wert der Zalando-Aktie nahezu verdoppelt.

Die Marschrichtung hat das Führungs-Trio klar vorgegeben. Mittelfristig strebt Zalando einen Marktanteil von mehr als fünf Prozent am europäischen Mode-Einzelhandel an. Das wäre eine Versiebenfachung des bisherigen Jahresumsatzes von knapp drei Milliarden Euro – das wäre mehr, als Adidas derzeit erlöst. Um weiter zu wachsen, werden Zalando-Lieferungen neuerdings nicht mehr nur aus einem der vier Logistikzentren in Deutschland an Kunden verschickt. Seit Herbst werden Zalando-Pakete auch in Markt Indersdorf vom DHL-Laster abgeholt.

Wieder war bei Alfons Nißl eine Anfrage gelandet, diesmal kam das Angebot von dem Berliner Versandhändler. Der junge Online-Gigant hatte eine Art Schuh-Börse entwickelt, über die kleine Läden wie Nißls Schuhhaus ihre Ware verkaufen können.

Will Zalando ein bestimmtes Schuhmodell in Größe 49 verkaufen, erscheint auf Nißls Rechner eine Meldung. Hat er das Paar vorrätig, kann er zuschlagen. Ein Stockwerk tiefer muss er die Schuhe nur noch in einem eigens dafür vorgesehenen Zalando-Karton verschicken. Der Kunde in Kiel oder Berchtesgaden wird kaum merken, dass der Schuh nicht aus dem Zentrallager stammt. Zalando überweist Nißl das Geld und verdient an der Provision.

Zalando begründet sein Vorgehen so: „Über 80 Prozent aller Modeartikel liegen heute noch in stationären Geschäften“, sagt Moritz Hau, bei Zalando zuständig für das Deutschland-Geschäft. Mit der Schuh-Börse will Zalando diesen Schatz anzapfen und der Internet-Kundschaft ein breiteres und tieferes Sortiment anbieten. „Noch ist die Kooperation mit lokalen Händlern ein Pilotprojekt“, bremst Hau allzu große Erwartungen. Zalandos Wachstumsstrategie basiere auf einem ständigen Ausprobieren neuer Ideen. Was die neue Schuh-Börse angeht, ist Hau aber optimistisch. Das neue Motto im Konzern lautet: „Wir wollen das Betriebssystem der Mode sein.“ Das heißt: Ob die Ware aus einem Logistikzentrum oder einem Laden in Markt Indersdorf verschickt wird ist zweitrangig – Hauptsache der Kunde ist zufrieden und die Läden profitieren auch ein wenig.

Verkäufer Nißl sagt, dass der Online-Handel tatsächlich Vorteile biete. Inzwischen könne er modisch ausgefallene Schuhe ins Schaufenster stellen und seinen Kunden eine noch größere Vielfalt bieten. Er weiß, zur Not wird er den Schuh auch im Internet wieder los – auch wenn Verpacken und Verschicken ihm und seinem Team viel Arbeit bescheren.

Ein wenig fremdelt Nißl mit seinem boomenden Online-Handel bis heute. „Man muss eben offen sein“, sagt er. Und wer weiß, vielleicht geht die Doppel-Strategie am Ende auf. Markt Indersdorf würde dank Zalando und Amazon sein Schuhgeschäft behalten, auch wenn sich das für den eingefleischten Einzelhändler Nißl mehr falsch als richtig anfühlt.

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