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BMW-Chef Norbert Reithofer mit einer Limousine der Siebener Reihe auf der Los Angeles Auto Show.

Interview mit BMW-Chef Norbert Reithofer

Kollaps von Opel wünscht sich niemand

Los Angeles – Der Krise in der Autobranche zum Trotz: Der Münchner Premiumanbieter BMW geht in die Offensive. Auf der Los Angeles Auto Show präsentiert der Konzern ungewohnte Innovationen wie zum Beispiel einen Mini mit Elektroantrieb. Außerdem stellt BMW neue Modelle mit Hybridantrieb vor.

Über diese Neuerungen, Subventionen für Autobauer und die aktuelle Verfassung des Münchner Konzerns sprachen wir mit dem Vorstandschef von BMW, Norbert Reithofer.

-Herr Reithofer. Sie waren einmal Chef des amerikanischen BMW-Werks in Spartanburg. Hätten Sie sich damals vorstellen können, in Los Angeles einmal einen Mini mit Elektromotor und zwei Dieselmodelle zu präsentieren?

Um ehrlich zu sein, nein. Dieselmodelle schon, einen Elektromotor aber nicht.

-500 Mini E wollen Sie in Los Angeles und New York mit ausgesuchten Kunden testen. Haben Sie Ähnliches in Deutschland vor?

Wir prüfen, ob wir ab dem Frühjahr 2009 Mini-E-Fahrzeuge auch in Deutschland oder Großbritannien einsetzen. Berlin und London kämen hierfür in Frage. Diese Fahrzeuge würden dann zu den 500 US-Fahrzeugen hinzukommen.

-Wie weit sind Sie darüber hinaus mit Ihren anderen Zukunftskonzepten, etwa dem Stadtauto?

Der Mini E ist ein Fahrzeug mit Leistungselektronik, das einen Elektromotor braucht, Batterien und einen elektrischen Antriebsstrang. Mit konventioneller Karosserie ist das Auto noch zu schwer. Künftige Megacity-Fahrzeuge müssen deutlich leichter werden. Um einige hundert Kilo.

-Wissen Sie schon, wann der Mini E in Serie gehen kann?

Der Mini E geht nicht in Serie, er ist ein Lernprojekt für uns. Wir gehen aber davon aus, dass wir in der ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts ein Megacity-Vehicle anbieten werden. Dieses wird es sowohl mit einem hocheffizienten Verbrennungsmotor als auch mit Elektroantrieb geben. Aber ich möchte die Elektro-Euphorie etwas dämpfen. Alle seriösen Prognose-Institute gehen davon aus, dass im Jahr 2020 nicht mehr als zehn bis 20 Prozent Elektroautos fahren. Am Verbrennungsmotor wird also auch künftig so bald kein Weg vorbeiführen. Wir werden in den nächsten Jahren noch neue Einspritztechnologien sehen, die den Verbrennungsmotor noch deutlich effizienter machen.

-Die Autoindustrie steckt in der schwersten Krise der letzten Jahrzehnte. BMW hat bereits zusätzliche Ferien angekündigt und auch den Abbau von 5000 Zeitarbeitern sowie 3100 Vollzeitstellen. Rechnen Sie mit weiterem Stellenabbau?

Hierzu gibt es derzeit keine Beschlüsse. Wir haben immer diese zwei Bausteine der Flexibilität gehabt: Auf der einen Seite die Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeitkonten bei der Stammbelegschaft. auf der anderen Seite die Zeitarbeitskräfte. Wir werden, wenn nötig, Zeitarbeitskräfte weiter reduzieren und die Arbeitszeitkonten der Belegschaft weiter ausreizen. Ziel ist dabei, die Lager bei den Händlern und beim Konzern abzubauen. Das ist vorausschauende Unternehmensplanung.

-An der Beschäftigungsgarantie bis 2014 wird nicht gerüttelt?

Die gilt weiterhin. Wir bauen seit Ende 2007 Personal über Abfindungsverträge ab. Die Beschäftigungsgarantie schließt betriebsbedingte Kündigungen aus.

-Welche Signale haben Ihnen in Los Angeles Ihre US-Händler gegeben?

Die Aussagen der Händler stimmen mit volkswirtschaftlichen Studien überein, die im ersten Halbjahr 2009 einen weltweiten Marktrückgang um zehn Prozent vorhersagen. Vor diesem Hintergrund war auch die Produktionsanpassung absolut richtig.

-Und darüber hinaus wagen Sie keine Prognose?

Nein, Prognosen sind momentan schwierig. Die können in wenigen Wochen obsolet sein.

-Vor einigen Monaten wurde noch mit steigenden Rohstoffpreisen und einem fallenden Dollar gerechnet. Das ist anders gekommen. Wann wird sich dies bei Ihnen entlastend auswirken?

Auch als der Euro 1,50 oder 1,60 Dollar gekostet hat, waren wir immer darunter abgesichert. Doch wir müssen erst einmal 2008 abschließen. Der aktuell wieder stärkere Dollar hilft uns bei Sicherungen für 2009.

-Sie haben im letzten Jahr 336 000 Autos in den USA verkauft. Können Sie schon abschätzen, wie viele weniger es 2008 werden?

Wir können bisher nur sagen, dass wir das Absatzvolumen des Vorjahres nicht erreichen werden.

-Sie haben in diesem Jahr schon mehrfach die Wertberichtigungen im US-Leasinggeschäft erhöht. Ist da jetzt ein Ende erreicht oder erwarten Sie weitere Belastungen?

Wir haben unsere Risikovorsorge auf 1,037 Milliarden Euro erhöht. Vorsorge bedeutet hier wirklich Vorsorge. Wenn sich der Automobilmarkt 2011 wieder erholt, kann es sein, dass ein Teil dieser Risikovorsorge wieder aufgelöst wird.

-In den USA und Europa wird über staatliche Hilfen für Autohersteller diskutiert. Angenommen, General Motors und Opel bekämen welche, hat BMW dann einen Wettbewerbsnachteil?

Mögliche Hilfen für US-Hersteller bergen grundsätzlich die Gefahr, dass ein Subventionswettlauf zwischen den USA und der EU gestartet wird. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Dennoch begrüßen wir, dass die Bundesregierung die besondere Lage der Automobilindustrie berücksichtigen will. Wir sind in einer Wirtschaftskrise, die immer größere Teile der Realwirtschaft betrifft. Das muss man ins Kalkül ziehen.

-Und wie steht es mit den Hilfen für Opel? Was ist für BMW im Wettbewerb verkraftbar?

Man darf nicht unterschätzen, was passiert, wenn ein großer Hersteller, der mehrere hunderttausend Autos baut, aus dem Gefüge der Branche ausbrechen würde. Dann hätte dies gravierende Auswirkungen auf die Zulieferindustrie und somit auf die gesamte Branche. Das kann sich niemand wünschen. Ich fände es gut, wenn Deutschland neue Fahrzeuge für ein Jahr von der Kraftfahrzeugsteuer befreit und ab dem 1. Januar 2010 eine CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuer einführt. Dann wissen die Kunden, woran sie sind. Wenn gleichzeitig die Hälfte der Fahrzeuge, die älter als 15 Jahre sind, vom Markt genommen würden und dafür eine Verschrottungsprämie gezahlt würde, wäre uns Automobilherstellern auch ohne direkte Subventionen geholfen.

-Es wird spekuliert, dass die Autobanken unter den Schutzschirm des Bundes rücken müssen. Gilt das auch für die BMW-Bank?

Probleme bereitet vor allem die Refinanzierung, da die Banken der Realwirtschaft nicht genug Kapital zur Verfügung stellen. Das Finanzierungsgeschäft darf durch die Finanzkrise nicht noch stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb lotet der VDA mit Unterstützung der Autohersteller Optionen aus, mit denen auch die Autobanken den staatlichen Rettungsschirm in Anspruch nehmen könnten. Damit soll verhindert werden, dass die Verwerfungen auf dem Kapitalmarkt zu einer Verteuerung der Refinanzierung führen.

- Für Sie findet die Krise auf hohem Niveau statt.

Wir haben in den ersten 3 Quartalen über 1,5 Milliarden Euro verdient.

-Bleibt es bei Ihrer Prognose einer Umsatzrendite von 8 bis 10 Prozent?

Ja, unser Ziel für 2012 steht. Es wird uns 2008 gelingen, erstmals in der letzten Dekade, mit den Fixkosten unter dem Vorjahr zu liegen. Dieser Erfolg wurde jetzt nur durch andere exogene Faktoren überlagert – die Markteinbrüche und die Materialkosten.

-Den Vorwurf an die Autohersteller, in den guten Zeiten nicht genügend in die Zukunft investiert zu haben, lassen Sie für BMW nicht gelten?

Für BMW ist die Antwort eindeutig nein. Nehmen Sie die 1,2 Milliarden Euro Entwicklungskosten, die wir bisher in Efficient Dynamics gesteckt haben. In Summe haben wir bereits eine Million Fahrzeuge mit dieser Technologie verkauft. Oder nehmen Sie den X1, der in absehbarer Zeit auf den Markt kommen wird oder den Mini Crossover.

- Also wird BMW in Zukunft eher kleinere als immer noch größere Fahrzeuge bauen?

Wir stellen ja jetzt schon 500 000 Mini und 1-er her. Aber auch bei den großen Fahrzeugen sind wir der Maßstab: So verbraucht der neue 7-er mit Dieselmotor lediglich rund 7 Liter pro 100 km. Darüber hinaus zeigen wir hier in Los Angeles den 7-er Active Hybrid sowie den X6 Active Hybrid.

Interview: Martin Prem

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