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Martin Prem.

Fundamentale Schieflage

Kommentar zu den Ermittlungen gegen Audi: Kollektives Fehlverhalten

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Ingolstadt - Die betrogenen Kunden in den USA werden in Sachen Diesel-Affäre fürstlich entschädigt. Deutsche Ermittler leisten Schützenhilfe, deutsche Kunden aber gehen leer aus. Das alles verstärkt den Eindruck einer fundamentalen Schieflage. Ein Kommentar.

Die Aktion war spektakulär: Ausgerechnet am Tag der Bilanzvorlage wurde die Audi-Zentrale wegen der Diesel-Affäre. Nimmt sich jetzt die deutsche Justiz der Interessen der Autokäufer an, deren Autos nicht so sauber waren, wie ihnen versprochen wurde? Falsch. Es geht auch bei den Münchner Ermittlungen ausschließlich um die betrogenen Kunden in den USA. Die werden dort fürstlich entschädigt. Gemessen an den drakonischen Strafen dort für Unternehmen und Mitarbeiter ist das, was bei den Ermittlungen in München herauskommen kann, bedeutungslos.

Das alles verstärkt den Eindruck einer fundamentalen Schieflage. Während US-Behörden in der Affäre als Interessenvertreter ihrer Mitbürger auftreten und deutsche Ermittler ihnen Schützenhilfe leisten, gehen die deutschen Kunden leer aus. Sie wurden erst belogen und dann auch noch damit bedroht, dass ihre Autos stillgelegt werden, wenn sie den erzwungenen Rückrufen nicht Folge leisten.

Es waren vor allem die deutsche Politik und Behörden, die der Industrie beim Abschalten der Abgasreinigung in fast allen Fahrsituationen halfen; zwar in den USA kriminell, in Europa aber völlig legal. Dass Volkswagen – Audi offenbar nicht – selbst diesen weiten Rahmen sprengte, war zwar dreist, aber angesichts des kollektiven Fehlverhaltens von Politik, Behörden und Industrie eine vergleichsweise lässliche Sünde. Besser als öffentlichkeitswirksame Polizei-Aktionen durchzuführen, wäre es, den Verbraucherschutz in Europa auf ein neues Fundament zu stellen. Dessen Regelungen dürfen sich nicht mehr vorwiegend an den gebündelten Interessen der betroffenen Industrien orientieren.

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