Kommunikations-Technik: Siemens löst sich von seiner Keimzelle

München - Als Telegraphenbauanstalt begann vor gut 160 Jahren, was heute der Weltkonzern Siemens ist. In dessen Konzept hat Kommunikationstechnik keinen Platz mehr. Bald wird das Traditionsunternehmen die letzte Verbindung zu seiner Keimzelle trennen.

Bei Siemens gab es bis vor einigen Jahren so ziemlich alles, was mit Telekommunikationstechnik zu tun hat. Dann landeten die Handys beim taiwanischen BenQ-Konzern und schließlich in der Pleite. Die Kommunikations-Infrastruktur ging an Nokia Siemens Networks, ein Gemeinschaftsunternehmen, in dem Siemens zwar 50 Prozent der Anteile, aber Nokia die Kontrolle hat. Und das Geschäft mit Telefonanlagen für Firmen, in dem gerade tausende Stellen abgebaut werden, sähe die Siemens-Führungsriege lieber heute als morgen in fremder Hand. Bleiben nur die Festnetztelefone. Noch.

Mit den Telefonapparaten der Marke Gigaset ist Siemens Weltmarktführer. In Deutschland benutzt etwa jeder Zweite eines der Geräte, die vollständig hierzulande hergestellt werden. Es handele sich "um die besten Produkte, die man sich vorstellen kann", lobte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser jüngst. "Gigaset ist eine sehr bekannte und sehr erfolgreiche Marke." Trotzdem hat sie bei Siemens keine Zukunft. In seiner Drei-Säulen-Strategie setzt das Unternehmen auf die Themen Industrie, Energie und Gesundheit - für Kommunikation bleibt da kein Platz.

Das Geschäft mit den Festnetztelefonen hat im Konzern die Bezeichnung Siemens Home and Office Communication Devices - kurz: SHC - und läuft unter "sonstige Aktivitäten". Diese will man weitgehend loswerden. Schon als vor Jahren das kriselnde Handygeschäft losgeschlagen wurde, soll Siemens möglichen Käufern SHC als Zuckerguss oben drauf angeboten haben, heißt es in Arbeitnehmerkreisen.

Siemens gehe nicht mit einem Verkaufsprospekt zu möglichen Interessenten, beteuerte Kaeser in der vergangenen Woche. Aber es gebe immer wieder Anfragen von Interessenten, die SHC vollständig übernehmen oder als Partner einsteigen wollten. "Wir prüfen diese Anfragen."

SHC spürt den Preisdruck asiatischer Konkurrenten. Das Argument, dass die Siemens-Telefone vollständig in Deutschland gebaut werden, wo der Großteil der 2000 Mitarbeiter - 200 davon in München - beschäftigt ist, ziehe bei vielen Verbrauchern nicht, stellte Kaeser fest. "Leider sind die Konsumenten nicht so patriotisch." Im vergangenen Jahr erzielte SHC bei einem Umsatz von 790 Millionen Euro einen Gewinn von 13 Millionen Euro. "Das ist nicht berauschend, aber profitabel", urteilt der SHC-Betriebsratsvorsitzende Rainer Englert. Und deshalb ist es nicht abwegig, dass Gerüchte über mögliche Käufer des Geschäfts kursieren.

Zuletzt brachte das "Manager Magazin" den US-Finanzinvestor Sun Capital Partners sowie die Starnberger Beteiligungsfirma Arques als Interessenten ins Spiel. "Diese Leute sind hier definitiv im Haus gesehen worden", sagte ein Insider dieser Zeitung. Zudem gebe es Gespräche mit anderen Finanzinvestoren und Wettbewerbern im Telekommunikationsgeschäft. Doch ein Abschluss steht offenbar nicht unmittelbar bevor. Diese Unsicherheit belastet das Geschäft.

"Die Kunden sind verstört", beschreibt Michael Leppek von der IG Metall in München das Problem. "Das Thema ist verheerend im Markt", sagt auch Englert. "Man redet das Geschäft kaputt." Vor diesem Hintergrund gibt es wohl nur zwei Auswege: ein schneller Abschluss mit einem Käufer. Oder ein klares Bekenntnis des Konzerns, den letzten Rest seiner Keimzelle erhalten zu wollen. Mit Letzterem rechnet kaum noch jemand.

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