Die Konjunktur fasst Fuß, der Arbeitsmarkt rutscht ab

- München - Der Aufschwung kommt. Millionen werden es nicht merken. Die Wirtschaft wird nächstes Jahr endlich wieder nennenswert wachsen, sagen Wirtschaftsforscher übereinstimmend voraus. Das Drama am Arbeitsmarkt hingegen dürfte sich zuspitzen. Und Besserung ist nicht in Sicht.

<P>Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, wagte sich erstmals wieder mit einer positiven Konjunkturprognose aus der Deckung. Die deutsche Wirtschaft werde um 1,8 Prozent wachsen, sagt er für 2004 voraus. So günstig seien die Aussichten schon lange nicht mehr gewesen. Die Ifo-Rechnung: 0,2 Prozent Wachstum bringt die Steuerreform, 0,5 Prozent die freizeitschädliche Lage der Feiertage und gut ein Prozent wächst die Wirtschaft selbst. "Die Konjunkturampeln stehen auf grün", dichtete Sinn.</P><P>Rot sieht er für den Arbeitsmarkt. Der Tiefpunkt sei nicht erreicht. Die Zahl der Beschäftigten dürfte bis mindestens zur Jahresmitte weiter sinken, auch weil immer mehr Firmen personalaufwändige Abteilungen ins Ausland verlagern. Falls die offiziellen Arbeitslosenzahlen sinken, dann nur wegen gezielter Manipulation der Statistik. "Vom Verstecken der Arbeitslosen wird die deutsche Wirtschaft nicht gesunden", spottete Sinn über die Arbeitsverwaltung.</P><P>Er hofft, dass sich die Politik nach dem Steuerkompromiss auch an einschneidendere Reformen traut. Als nächstes sei die Sozialhilfe fällig, sagte Sinn, der in scharfen Worten die staatliche Unterstützung "für Nichtarbeit" rügte. Auch das Tarifrecht müsse geändert und der Niedriglohnsektor gefördert werden. Letzteres auch wegen der Konkurrenz durch Billiglohnländer in Osteuropa. Mit einer schnellen Angleichung der Löhne rechnet das Münchner Institut nämlich nicht.</P><P>"Vom Verstecken der<BR>Arbeitslosen wird die<BR>deutsche Wirtschaft nicht<BR>gesunden."<BR>Hans-Werner Sinn (Ifo)</P><P>Eindringlich warnt Sinn die Bundesregierung vor der Fortsetzung ihrer Schuldenpolitik. "Sicher hilft Verschuldung, die Konjunktur weiter anzukurbeln", sagte er. Allerdings seien Deutschlands strukturelle Probleme zu groß, als dass sie mit "solchen Strohfeuern" gelindert werden könnten. Die Defizitquote des Jahres 2004 schätzt er auf 3,5 Prozent - also weit vorbei am Euro-Stabilitätspakt. Privatisierungen und Schuldenmacherei schert Sinn dabei über einen Kamm: "In beiden Fällen wird der Staat ärmer."</P><P>Für die Weltkonjunktur ist das Institut ebenfalls optimistisch. "Der Krieg ist vorbei, Argentinien hat seine Krise überwunden, Sars steht dem Aufschwung in Asien nicht mehr im Weg", sagt Sinn. Risiken durch neue Anschläge bewerte man nicht so hoch, heißt es bei Ifo.<BR></P>

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