Das Konjunktur-Barometer kurz vor dem Siedepunkt

- München - Wenn es heiß ist, trinkt der Mensch mehr, isst gern Eis, kauft keine Wollpullis, dreht die Klimaanlage auf, handelt weniger mit Aktien und stürmt ins Freibad. Die Hitzewelle beeinflusst mehr und weniger direkt die deutsche Wirtschaft - aber wie? Ob am Ende der heißen Tage das Konjunktur-Barometer positive oder negative Signale gibt, ist bei Experten umstritten.

<P>"Wenn die Hitzewelle länger andauert und die Kunden statt zum Einkauf lieber ins Grüne oder zum Baden fahren, könnte sich auch die Erholung am Arbeitsmarkt hinauszögern." So warnte ein Konjunktur-Spezialist des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle in der "Bild". Hat die Wärme also ausdehnende Wirkung auch auf die Arbeitslosenzahlen? Beim Landesverband des Bayerischen Einzelhandels hat man noch nichts von Hitzefrei für die Einkaufstasche mitbekommen. Der Sommerschlussverkauf lief größtenteils positiv. Doch in anderen Wirtschafts-Bereichen ist der Hitze-Stress nicht zu übersehen.</P><P>Bauernverbände befürchten einen Milliarden-Schaden durch Ernteausfälle. Vielen Betrieben drohe die Pleite. Auf die Verbraucher kommt womöglich bald eine Strompreiserhöhung zu. Atom- und Kohlekraftwerke laufen teilweise mit reduzierter Leistung, weil Flusswasser nur begrenzt zur Kühlung eingesetzt werden kann. Wasserkraftwerken fehlt der volle Schub und auch die Windkraft liegt in der Flaute. "An den europäischen Strombörsen hat es spürbare Preisausschläge gegeben", berichtet Petra Uhlmann, Pressesprecherin der Eon Kernkraft.</P><P>Der niedrige Wasserstand der Flüsse kann auch dem Schiffsverkehr schaden. Bleiben die Kähne auf dem Trockenen, gehen Aufträge verloren. "Es ist zu vermuten, dass sich langfristig Folgen der Wärme ergeben", erklärt Florian Wöst von der Münchener Rück. Doch auch die Klima-Experten des weltgrößten Rückversicherers können den ökonomischen Hitzegrad nicht bemessen: "Die Kollegen recherchieren und tragen die vielen Informationen zusammen. Doch das lässt sich noch nicht beziffern." Für die Rück selbst hat der Sommer bislang keine Schattenseiten. Die Brände, die in Südeuropa lodern, verschlangen Waldgebiete. Und die sind nicht versichert.</P><P>Auf der Sonnenseite stehen im Super-Sommer Hersteller von Mineralwasser, Bier und Speiseeis. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen rechnet für 2003 mit einem Absatzrekord. Bei Adelholzener werden pro Tag zwei Millionen Flaschen abgefüllt - 25 Prozent mehr als vor einem Jahr zu dieser Zeit. Bei der Augustiner Brauerei in München ist der edle Gerstensaft "wegen besonderer Nachfrage" knapp geworden, berichtet der geschäftsführende Gesellschafter Gerhard Ohneis. "Wir mussten die Auslieferungen an unsere Kunden rationieren." Auch bei den deutschen Eismeistern Schöller und Langnese tobt die Sommer-Sonder-Konjunktur: Die Eismaschinen laufen im 24-Stunden-Betrieb.</P>

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