Die kontrollierte Vergangenheit

- München -­ Als Aufsichtsratschef von Siemens will Heinrich von Pierer in der Affäre um schwarze Kassen "kompromisslos aufräumen", wie er versprochen hat. Doch als Vorgänger des heutigen Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld könnte er damit seine eigene Amtszeit an der Siemens-Spitze in ein schlechtes Licht rücken. Denn die Vorgänge, die die Staatsanwaltschaft ermittelt, liegen zu einem großen Teil nicht in der Amtszeit Kleinfelds, sondern in der von Pierers selbst. Ein typisches Dilemma, vor dem Aktionärsschützer warnen ­ bislang vergeblich.

Es war die Siemens-Hauptversammlung im Januar vergangenen Jahres, bei der Heinrich von Pierer seinen Abschied als Vorstandschef gab. Anleger überschütteten ihn mit Lob und Beifall. Und die Aktionärsvereinigungen drückten bei einem ihrer wichtigsten Kritikpunkte ein Auge zu. Sie nickten den Wechsel von Pierers vom Konzernlenker zum Chefkontrolleur ab. "Grundsätzlich halten wir den Übergang vom Vorstandsvorsitzenden zum Aufsichtsratsvorsitzenden für nicht im Interesse der Aktionäre", sagte Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Aber: "Die Zustimmung zu der Wahl von Herrn Pierer stellt einen Einzelfall dar."

Zwar ist es bei deutschen Unternehmen gang und gäbe, dass der Chef nach seiner Amtszeit den Vorsitz im Kontrollgremium übernimmt (siehe Kasten). Doch kann das Probleme mit sich bringen. Denn ein neuer Vorstandsvorsitzender dürfte Hemmungen haben, ein ­ noch so schlechtes ­ Lieblingsprojekt seines Vorgängers zu kippen, wenn dieser ihm als Chefkontrolleur im Kreuz sitzt. So besteht die Gefahr, dass der alte Boss den Kurs des Unternehmens weiter diktiert und Fehler aus seiner Amtszeit unter den Teppich kehrt. Aktionärsschützer sprechen sich deshalb dafür aus, wenigstens einige Jahre zwischen den Ämtern als Chef des Vorstands und des Aufsichtsrats verstreichen zu lassen. So lief es etwa bei BMW, wo Joachim Milberg 2002 als Konzernchef aufhörte und 2004 Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde.

Bei Siemens sickern jetzt immer mehr peinliche Details durch. So soll nicht nur ein Mitglied des Zentralvorstands von schwarzen Kassen gewusst haben, sondern auch die Abteilung, die eigentlich für die Bekämpfung von Korruption im Konzern zuständig ist. Offiziell bestätigt das keiner. Doch die Kritik am Konzern und seinen Führungspersonen wächst.

Prall gefüllte "Kriegskassen" werden nach Einschätzung des Korruptionsexperten Wolfgang Schaupensteiner in großen Konzernen nur mit Wissen der Unternehmensleitung eingerichtet. "Das geht nicht ohne die Spitze, da das Risiko einer Entlassung sonst für die Akteure viel zu groß wäre", sagte der Oberstaatsanwalt. Er kenne den aktuellen Fall Siemens nur aus den Medien. Er habe aber den Verdacht, dass dort ein Organisationsmuster zu Tage treten könnte, mit dem Korruption verschleiert werden sollte. Selbst wenn nicht, müsste sich Heinrich von Pierer fragen lassen, warum in seiner Amtszeit nicht das Verschwinden von Millionenbeträgen bemerkt wurde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach offiziellem Stand bis ins Jahr 2002 ­ angeblich reichen die Vorgänge noch viel weiter in von Pierers Amtszeit zurück.

"Wir haben damals einer Ausnahme zugestimmt, weil Herr von Pierer große Verdienste um das Unternehmen und viel Fachwissen hat, das nicht verloren gehen sollte", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz über die Aufsichtsrats-Wahl 2005. "Aber in diesem Punkt", sagt sie mit Blick auf die jüngste Affäre im Konzern, "war das vielleicht ein Fehler."

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