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Ein Konzern verliert den Kopf

Siemens: - München - Als Heinrich von Pierer kürzlich seinen Rückzug als Aufsichtsratschef von Siemens bekannt gab, wollte er den Konzern damit "in ruhigeres Fahrwasser" bringen. Doch kurz nachdem er gestern Nachmittag sein Amt als Chefkontrolleur an Gerhard Cromme übergeben hatte, stürzte das Unternehmen in eine Führungskrise.

Auch der Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld wird den Münchner Konzern verlassen, teilte Siemens mit. Damit verliert der Weltkonzern nahezu gleichzeitig seine beiden wichtigsten Führungspersönlichkeiten. Und das, nachdem schon mehrere hochrangige Manager wegen mutmaßlicher Verwicklungen in verschiedene Bestechungsaffären ihre Posten aufgeben mussten.

In fünf Monaten läuft Kleinfelds Vertrag als Siemens-Chef aus. Bis dahin werde er zur Verfügung stehen, willigte Kleinfeld ein. Heute soll er die offizielle Halbjahres-Pressekonferenz des Unternehmens in München leiten.

Wie Siemens mitteilte, haben die Ermittlungen der vom Konzern angeheuerten US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton keine Hinweise auf eine Verwicklung Kleinfelds in die Bestechungsaffären bei Siemens ergeben. Auch die Staatsanwaltschaften führten Kleinfeld bislang nicht als Beschuldigten. Dennoch betrieben mehrere Aufsichtsräte seine Ablösung. Insbesondere sollen Pierer-Nachfolger Gerhard Cromme und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der bei Siemens im Aufsichtsratspräsidium sitzt, die Ablösung Kleinfelds beabsichtigt haben.

Angeblich hat die US-Börsenaufsicht SEC erheblichen Druck auf einen personellen Neuanfang bei Siemens gemacht. Nach dramatischen Betrugsskandalen bestehen in den USA extrem strenge Richtlinien für börsennotierte Unternehmen. Womöglich wurde es nun Kleinfeld zum Verhängnis, dass Siemens auch in den USA börsennotiert ist. Die SEC gab sich offenbar nicht mit dem Rückzug Heinrich von Pierers zufrieden.

Im Aufsichtsrat hatte man Kleinfelds Vertragsverlängerung noch weiter hinauszögern wollen. Dieser zog die Konsequenz und erklärte selbst seinen Verzicht auf das Amt. Cromme lobte zum Abschied: "Kleinfeld ist eine strategische Neuausrichtung des Unternehmens gelungen, die den Erfolg nachhaltig absichern wird." Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gaben in einer gemeinsamen Mitteilung bekannt: "Wir bedauern sehr, dass Herr Kleinfeld dem Unternehmen nicht mehr als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung stehen wird."

Anlegerschützer reagierten entsetzt. "Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich kann Siemens nur auffordern, so schnell wie möglich einen neuen Vorstands-Vorsitzenden zu finden", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gegenüber dieser Zeitung. Man sollte auch darüber nachdenken, Kleinfeld und seinen Nachfolger zunächst parallel das Unternehmen führen zu lassen. Eine Doppelspitze könne bis zum Herbst eine sinnvolle Lösung sein - gerade falls der neue Siemens-Chef nicht aus dem Konzern stammen sollte.

Als Nachfolger für Kleinfeld wurden bereits Linde-Chef Wolfgang Reitzle und der Ex-Chef der Volkswagen-Markengruppe, Wolfgang Bernhard, gehandelt. "Es ist zu früh, um über Nachfolger zu spekulieren", erklärte ein Siemens-Sprecher auf Anfrage.

"Wenn es einen Nachfolger geben würde, der nicht von Siemens stammt, hätte das Vor- und Nachteile", erklärte Aktionärsschützerin Bergdolt. "Ein Kandidat von außen wäre ein unbeschriebenes Blatt in Sachen Bestechungsaffären. Aber er hätte nicht den Stallgeruch von Siemens. Das hat es bisher noch nicht gegeben."

Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sagte: "Wir wissen nicht alles, was die Aufsichtsräte wissen, aber das ist schon zu bedauern. Bei Siemens muss Ruhe einkehren, und das, befürchte ich, wird jetzt nicht passieren."

Blendende Geschäftszahlen helfen nicht

Überraschend hat Siemens am Dienstagabend die Eckdaten für das zweite Quartal des Geschäftsjahres bekannt gegeben - und zwar blendende. Ursprünglich war die Veröffentlichung erst für heute vorgesehen. Eine Siemens-Sprecherin erklärte die vorgezogene Veröffentlichung im Rahmen einer Börsen-Pflichtmitteilung damit, dass die "Ergebnisse erheblich über der Markterwartung liegen". Deshalb habe man sie sofort bekannt geben müssen, um den Börsenregeln zu entsprechen. Es bestehe keinerlei Zusammenhang mit dem Gerangel um die Besetzung des Vorstandsvorsitzes.

Doch die Veröffentlichung war für Klaus Kleinfeld eine letzte - wenn auch nicht ausreichende - Stärkung vor der für ihn entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Laut der Mitteilung legte der Siemens-Umsatz von Januar bis März um zehn Prozent auf über 20 Milliarden Euro zu. Der Gewinn nach Steuern sei um 36 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro gestiegen. Und die Auftragseingänge versprechen weiteres Wachstum. Sie wuchsen laut Siemens um neun Prozent auf 23,47 Milliarden Euro. Entsprechend positiv reagierte die Börse. Die Siemens-Aktie, die tags zuvor wegen der Querelen um den Chefposten gesunken war, stieg gestern im Tagesverlauf um etwa ein Prozent. Finanzanalysten bezogen in der Folge Stellung für Kleinfeld. Das Bankhaus Sal. Oppenheim etwa überschrieb seinen Siemens-Kommentar mit den Worten "Chef-Wechsel wäre extrem negativ". Die Finanzexperten behielten Recht. Nach Bekanntgabe von Kleinfelds Rückzug geriet die Siemens-Aktie sofort unter Druck.

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