Ein Konzern zwischen Entsetzen und Hoffen

München - 2007 war das Jahr, in dem der Schmiergeld-Skandal bei Siemens zu immer größerer Dimension anwuchs. 2008 könnte das Jahr werden, in dem er bewältigt wird. Das hat sich gestern auf der Hauptversammlung des Konzerns in München gezeigt.

Es hatten noch nicht alle der rund 11 000 Aktionäre einen Platz in der Münchner Olympiahalle gefunden, als auf der Leinwand über den Köpfen der Siemens-Führungsriege das Porträt des Firmengründers Werner von Siemens erschien. Zu pathetischer Filmmusik wurden Gasturbinen, Industrie-Roboter und strahlende Mitarbeiter gezeigt, ehe das Video mit dem Gelöbnis endete: "Wir stellen uns den Fragen unserer Zeit." Viele der Aktionäre hätten das bestimmt noch feierlicher gefunden, wenn die meisten Fragen unserer Zeit in Bezug auf Siemens nicht überaus unangenehmer Natur wären.

Über 40 Aktionäre hatten schon zu Beginn der Veranstaltung um 10 Uhr vormittags eine Wortmeldung beantragt. Die meisten dieser Beiträge hätte man zusammenfassen können mit: "Wie konnte der elende Schmiergeld-Skandal passieren?" Und so stellten sich der untadelige Vorstandschef Peter Löscher, der von einigen Aktionären mit Misstrauen belegte Aufsichtsrats-Chef Gerhard Cromme und ihre Kollegen den Fragen - bis in den späten Abend hinein. Ihre Antworten zeigten, dass das Thema Schmiergeld-Skandal bald weitgehend abgearbeitet sein könnte.

Die Folgen der Schmiergeldaffäre hätten Siemens "in die schwerste Krise der vergangenen Jahrzehnte gebracht", stellte Löscher fest. Denn auch wenn das Geschäft des Konzerns so gut läuft, als hätte es nie eine schwarze Kasse gegeben, sind die Dimensionen des Skandals gewaltig. Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro gelten als verdächtig - zuletzt kolportierte 140 Millionen im Medizintechnik-Geschäft schon inbegriffen. 1,62 Milliarden Euro hat Siemens in Aufklärung und Strafzahlungen stecken müssen. "Und wir werden noch Jahre brauchen, bis wir diese Krise endgültig überwunden haben", befürchtet Löscher. Doch das Schlimmste könnte heuer überstanden sein.

Im Rahmen eines Amnestieprogramms war Mitarbeitern, die über dubiose Vorgänge auspacken, weitgehende Straffreiheit versprochen worden. Dies sei ein "großer Erfolg" und habe "die Ermittlungen erheblich beschleunigt", erklärte Cromme. Mehrere Dutzend Mitarbeiter sollen ausgesagt haben. "Wir erwarten, dass sich in den nächsten Wochen weitere Fakten ergeben." Diese kämen zum richtigen Zeitpunkt. Denn in einigen Wochen beginnt die heiße Phase in den Verhandlungen mit der US-Börsenaufsicht SEC.

Weil Siemens auch in den USA börsennotiert ist, kann das Gremium eine Strafe wegen der Schmiergeldaffäre aussprechen - mutmaßlich bis zu vier Milliarden Euro. Damit es nicht so schlimm kommt, waren Löscher, Cromme und der Vorstand für Recht und Ordnung, Peter Solmssen, vor Weihnachten nach New York gereist. Cromme berichtete jetzt von einem "ausgesprochen produktiven Treffen". Die SEC habe zugestimmt, "Gespräche zu führen mit dem Ziel eines umfassenden und fairen Vergleichs". Schon im Februar könnten diese Gespräche beginnen und damit bald das gewichtigste Damoklesschwert abgehängt werden, das seit Ausbruch des Skandals über dem Konzern schwebt. Wann es genau eine Einigung geben kann, ließ Cromme offen. "Die Unterredungen werden sicherlich mehrere Monate dauern und wir wissen nicht, wann ein Vergleich geschlossen werden kann."

Die Aussicht darauf ließ trotzdem manchen Aktionär aufatmen. Die Wut über die Affäre ist nach wie vor groß. "Wir erleben ein Wechselbad der Gefühle zwischen Entsetzen und Hoffen", sagte Manfred Meiler vom Verein der Belegschaftsaktionäre. "Was in der Vergangenheit geschehen ist, ist ein Verbrechen an den Aktionären und Angestellten dieses Unternehmens", polterte Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz sprach von einem "Armutszeugnis - auch für das frühere Management".

Dessen Entlastung auf der Hauptversammlung war verschoben worden, ebenso wie die des Ex-Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer. Zunächst soll der Abschluss aller Untersuchungen abgewartet werden. Die anderen Aufsichtsräte - darunter Cromme und Josef Ackermann - sollten aber auch gegen den Willen einiger Kleinaktionäre ihre Entlastung erhalten. Dafür hatte sich neben Löscher eigens die sonst verschwiegene Siemens-Familie in einem Schreiben an die Aktionäre ausgesprochen.

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