Konzerne koppeln sich von Konjunktur ab

- Frankfurt - Die Konjunktur in Deutschland ist so gespalten wie selten zuvor. Während große Dax-Konzerne wie Allianz, Bayer und Deutsche Bank Rekordgewinne im ersten Halbjahr verbuchten, dümpelt die Gesamtwirtschaft vor sich hin. Der Boom der Konzerne geht völlig an der Wirtschaft vorbei, die im zweiten Quartal mit 0,0 Prozent nur stagnierte. Trotz voller Kassen stecken die führenden deutschen Unternehmen ihr Geld nur zögerlich in Investitionen, die als Schlüssel für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gelten. Keine Investitionen, keine Jobs, keine Kaufkraft, kein Wirtschaftswachstum, lautet die Kettenreaktion. Die flaue Investitionstätigkeit hält schon seit drei Jahren an. Die Zahlen für das zweite Quartal 2005 gibt das Statistische Bundesamt am heutigen Dienstag bekannt

Das Kapital wandert zum besten Wirt

"Solange die Firmen ihre Kapazitäten nicht ausbauen, läuft der Aufschwung weiter auf Sparflamme", sagt der Chefvolkswirt der Citigroup Jürgen Michels. "Die Gleichung: Gute Gewinne gleich gute Arbeitsplätze stimmt nicht." Im zweiten Quartal haben Firmen in Deutschland nach Schätzungen lediglich 0,5 Prozent mehr investiert als im Vorquartal. Damit ist die leichte Investitionsfreudigkeit vom Jahresanfang mit 0,9 Prozent schon wieder abgeflaut. Gleichzeitig sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wenn die Firmen Geld investierten, dann in Ersatzmaschinen und Aufstockung der Lager.

Was bei Normalbürgern Kopfschütteln hervorruft, ist für die Ökonomen kein Widerspruch. Global aufgestellte Konzerne machen ihr wesentliches Geschäft längst im Ausland. Die Gewinne fallen zum großen Teil bei ausländischen Töchtern an - und dort wird auch wieder investiert. "Das Kapital wandert zum besten Wirt", heißt die Regel der internationalen Finanzmärkte.

Die Globalisierung zwingt die Firmen zu Kosteneinsparungen - auch beim Personal. Die Deutsche Bank kommt nach eigenen Angaben beim Abbau von weltweit 6400 Stellen gut voran, in Deutschland gingen trotz Rekordgewinns seit Februar 300 Stellen verloren. Der Chemie- und Pharmariese Bayer geht 2005 auf das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte zu und streicht 750 Arbeitsplätze. Zudem haben viele Konzerne ihre Gewinne genutzt, um die Bilanz zu konsolidieren und sich wieder in Top-Form zu bringen.

Der "Standort D" scheint einfach nicht attraktiv genug zu sein. "Die geringen Investitionen sind ein Zeichen der schlechten Stimmung und der Verdrossenheit mit dem Standort", sagt Peter Englisch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Für Investitionen brauche man eine gute Perspektive. Doch der private Konsum springt in Deutschland nicht an, die Verbraucher legen aus Angst vor Jobverlust und fehlender Altersvorsorge ihr Geld lieber auf die hohe Kante.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

US-Notenbanker signalisieren weitere Leitzinsanhebungen
Washington (dpa) - Die US-Notenbank Fed hat weitere Leitzinsanhebungen signalisiert. "Laut einer Mehrheit der Teilnehmer erhöht der stärkere wirtschaftliche Ausblick die …
US-Notenbanker signalisieren weitere Leitzinsanhebungen
Dax wieder leicht im Minus - Anleger warten ab
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat am Mittwoch wieder den Rückwärtsgang eingelegt. Vor dem nach Börsenschluss erwarteten Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung …
Dax wieder leicht im Minus - Anleger warten ab
Studie belegt Folgen von Diesel-Abgasen
Dürfen Städte Dieselautos aussperren, um die Luft sauber zu kriegen? Oder müssen sie sogar? Politik und Autofahrer schauen nach Leipzig - da hat die Justiz das Wort. …
Studie belegt Folgen von Diesel-Abgasen
Hochtief mit prall gefüllter Kasse auf Übernahmekurs
Mit Rückenwind durch gut laufende Geschäfte steht Hochtief in den Startlöchern für ein Bieterrennen um den spanischen Mautstraßenbetreiber Abertis. Doch noch ist der …
Hochtief mit prall gefüllter Kasse auf Übernahmekurs

Kommentare