Kräftiger Schluck oder Augenmaß: Tarifparteien stecken Fronten ab

- München ­- Mit Blick auf die anstehenden Tarifverhandlungen stecken Gewerkschaften und Arbeitgeber weiter ihre Fronten ab. Während die Arbeitnehmerseite deutliche Lohnzuschläge verlangt, warnen die Unternehmerverbände vor zu üppigen Forderungen. Manche Volkswirte halten derweil eine Schippe mehr Gehalt in Boom-Branchen für durchaus gerechtfertigt.

Für einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle, und zwar in allen Branchen, sprach sich nun auch der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, aus. Es müssten alle etwas von der florierenden Wirtschaft haben, "damit endlich an die Stelle von Massenarbeitslosigkeit massenhaft gute Arbeit tritt". Zwar redeten alle vom Aufschwung, doch habe es bislang lediglich einen Aufschwung der Gewinne von Aktionären und Managern gegeben.

Vor dem Verdi-Chef hatten sich bereits die anderen großen Gewerkschaften IG Metall, IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und die IG Bau für hohe Lohnsteigerungen ausgesprochen. Die Abschlüsse bei den Verhandlungen, die in den kommenden Wochen stattfinden, sollen dabei über denen der letzten Tarifrunden liegen. Die Arbeitnehmerseite begründet das mit der rosigen wirtschaftlichen Lage, die vielen Unternehmen in Deutschland ordentliche Gewinne beschert. "Es ist genug Geld da", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer.

Unterstützung bekommen die Gewerkschaften von der Politik. So sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, er halte es für richtig, "dass die Gewerkschaften auch einen gerechten Anteil für die Arbeitnehmer fordern". Die Tarifpolitik solle sich an der Produktivität orientieren, die in vielen Bereichen der Wirtschaft gewachsen sei.

Die Arbeitgeber wenden sich gegen hohe Lohnforderungen. Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser sagte: "Die Lohnerhöhung darf nicht die Höhe der letztjährigen erreichen, weil wir sonst ein Stück unserer wiedererlangten Wettbewerbsfähigkeit verlieren, und genau diese hat uns mehr Aufträge und Beschäftigung verschafft." Für eine "Tarifpolitik mit Augenmaß" sprach sich auch der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, aus.

Unabhängige Ökonomen halten je nach Branche Aufschläge von zwei bis gut drei Prozent für gerechtfertigt. "Den Unternehmen geht es wirklich sehr gut", sagt Alexander Koch, Volkswirt bei der HypoVereinsbank in München. Joachim Scheide, Konjunkturexperte des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel plädiert dafür, dass Firmen in Boom-Branchen ihre Gewinne in Form von Einmalzahlungen an ihre Mitarbeiter weitergeben sollen.

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