Bis 67 halten vielen Arbeitnehmer nicht durch. Sie beantragen Erwerbsminderungsrente – jeder 2. Antrag wird abgelehnt.

Zu krank zum Arbeiten

Depression, Bandscheibenvorfall oder Herz-Kreislauf-Erkrankung: Wer zu krank zum Arbeiten ist, kann eine Rente wegen Erwerbsminderung beantragen. Allerdings wird jeder zweite Antrag abgelehnt.

Das Renteneintrittsalter steigt stufenweise auf 67 Jahre. Wer im Alter gesundheitliche Probleme bekommt, ist aber häufig schon vor dem Rentenalter nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Renten wegen teilweiser oder voller Erwerbsminderung werden daher künftig noch wichtiger. Gut 1,6 Millionen Erwerbsminderungsrentner gibt es derzeit. Jahr für Jahr stellen knapp 400 000 Versicherte einen Antrag. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

-Wann kann man Erwerbsminderungsrente beantragen?

Zum Beispiel bei einer schweren Depression. Unter den 190 000 im Jahr 2011 bewilligten Erwerbsminderungsrenten wurden 41 Prozent wegen psychischer Erkrankungen zugestanden. Danach folgten Bandscheibenleiden, Krebs und Herz-Kreislauf-Leiden. Es kommt aber nicht allein darauf an, wie schwer eine Krankheit ist. Die Gutachter der Rentenversicherung urteilen über die Arbeitsfähigkeit. Die höhere Rente wegen voller Erwerbsminderung gibt es, wenn nur noch Jobs mit täglich weniger als drei Stunden in Frage kommen. Eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung kann erhalten, wer pro Tag weniger als sechs Stunden arbeiten kann.

-Und wenn es keine Teilzeitstellen mit wenigen Stunden gibt?

Wer pro Tag noch fünf Stunden erwerbstätig sein kann und keinen entsprechenden Teilzeitjob findet, kann auch die Rente wegen voller Erwerbsminderung bekommen. Dann spricht man von einer „Arbeitsmarktrente“.

-Kann Arbeitnehmern Arbeit in einem anderen Beruf zugemutet werden?

Das kommt auf das Alter an. Für diejenigen, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden, gilt noch ein Berufsschutz. Für alle Jüngeren ist dagegen eine Arbeitsaufnahme in jedem Beruf zumutbar.

-Welche Vorversicherungszeiten müssen Antragsteller erfüllen?

Die Rente gibt es nur, wenn die Betroffenen mindestens fünf Jahre rentenversichert waren und in den letzten fünf Jahren mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge gezahlt haben. Sonderregelungen gelten für Berufsanfänger.

-Wie sind die Chancen auf Bewilligung?

Im Jahr 2011 wurden zwar 360 246 Anträge auf Erwerbsminderungsrenten gestellt, aber nur 190 036 (52,8 Prozent) bewilligt. Wichtigster Ablehnungsgrund: Die Gutachter befanden, dass die Betroffenen noch mindestens sechs Stunden täglich arbeiten konnten. Aussagekräftige Gutachten von Fachärzten erhöhen die Chance, dass der Antrag bewilligt wird.

-Kann man Widerspruch gegen ablehnende Bescheide einlegen?

Ja, das lohnt sich häufig – gerade dann, wenn die Rente aus medizinischer Sicht abgelehnt wurde. Nach Daten von 2000 bis 2010 wurde in etwa einem Drittel der Fälle dem Widerspruch stattgegeben, oft weil neue Unterlagen eingereicht oder neue medizinische Aspekte vorgebracht wurden. Gegen einen abgelehnten Widerspruch kann man klagen.

-Wie hoch ist die durchschnittliche Rente?

Die Erwerbsminderungsrenten betrugen 2011 im Schnitt 692 Euro pro Monat. Sie werden bis zum Erreichen des Regelrentenalters gezahlt. Danach wird die Rente in eine Regelaltersrente umgewandelt – ohne Antrag. Wie hoch die Rente wegen einer vollen Erwerbsminderung ausfallen würde, können Versicherte ab 27 Jahren ihrer Renteninformation entnehmen, die die deutsche Rentenversicherung jährlich verschickt. Die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung fällt halb so hoch aus.

-Dürfen die Rentenbezieher ohne Rentenkürzung hinzuverdienen?

Ja. Die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung ist als „Lohnzusatzleistung“ konzipiert, sie setzt die Weiterarbeit während des Rentenbezugs im Prinzip voraus. Doch auch die Rente wegen voller Erwerbsminderung fällt vielfach niedrig aus. Generell ist auch hier Hinzuverdienst erlaubt.

-Wie wird die Rentenhöhe berechnet?

Im Prinzip auf Basis der bisherigen Einzahlungen der Versicherten in die Rentenkasse. Dabei werden allerdings „Zurechnungszeiten“ berücksichtigt. Ein Beispiel: Wer etwa mit 30 – zum Beispiel nach einem schweren Autounfall – nicht mehr arbeiten kann, hat bis dahin durch seine Beiträge nur geringe Rentenansprüche. Damit die Betroffenen nicht zu Sozialfällen werden, wird bei ihrer Erwerbsminderungsrente so getan, als ob sie bis zum 60. Lebensjahr Versicherungsbeiträge an die Rentenkasse abgeführt hätten.

-Gibt es auch bei der Erwerbsminderungsrente Abschläge?

Wer die Rente vor dem Erreichen des 60. Lebensjahres erhält, muss in der Regel bis zu 10,8 Prozent Rentenabschläge hinnehmen. Wer die Rente erst mit 63 erhält, muss keine Abschläge hinnehmen. Bei einem Renteneintritt zwischen 60 und 63 gilt eine „Abschlagtreppe“. Für jeden Monat, den die Rente später als mit 60 in Anspruch genommen wird, fallen 0,3 Prozentpunkte weniger an Abschlägen an.

-Wird die Rente unbefristet bewilligt?

Zunächst in aller Regel nur befristet für drei Jahre. Danach ist ein neuer Antrag erforderlich.

Rolf Winkel 

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