Krankenkassen: Milliardenbetrug mit Versicherungskarten

München - Patienten gehen mit einer ungültigen Chipkarte zum Arzt oder leihen sie sich von einem Bekannten: Durch den Missbrauch von Krankenkassen- Karten entsteht jährlich ein Schaden in Milliardenhöhe. Mit der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte Ende dieses Jahres soll der Betrug endlich eingedämmt werden.

Die Versicherungskarte stammte von einem Freund. Die Unterschrift im Krankenhaus war gefälscht. Echte Kosten von mehr als 4100 Euro verursachte indessen die Operation. Bezahlt wurde sie von der AOK - und damit von ihren Kunden. Doch während der Behandlung in der Klinik wurde der wahre Karteninhaber krank und musste zum Arzt.

Der Betrug flog auf. Im Juni verhandelte das Bundessozialgericht in Kassel den Fall. Die Folge: Krankenhäuser müssen seither vor einer Behandlung die Personalien ihrer Patienten prüfen. Doch der Betrug in Arztpraxen geht weiter - zu Lasten der Ärzte und Versicherten. "Das Beispiel ist nur die Spitze eines Eisbergs", sagt Dr. Gabriel Schmidt, Bereichsvorstand der Hausärzte. Denn im Gesundheitssystem ist Versicherungsbetrug ein Kinderspiel.

Nicht einmal ein Foto lässt den wahren Inhaber einer Krankenkassen- Karte erkennen. Ärztekammern schätzen den volkswirtschaftlichen Schaden durch Chipkarten-Missbrauch auf eine Milliarde Euro pro Jahr. Das zeigt auch eine neue Untersuchung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns von anonymisierten Kartendaten.

Demnach wurde zum Beispiel eine Versichertenkarte in einem Quartal gleichzeitig an mehreren Orten und bei insgesamt 77 verschiedenen Ärzten eingesetzt. Schmidt geht davon aus, dass die Statistik nur einen Bruchteil erfasst, "vom Schwarzmarkt ganz zu schweigen". Die Täterprofile sind dabei sehr unterschiedlich.

So werden Karten verliehen oder verkauft, zum Beispiel an illegal in Deutschland lebende Ausländer. Doch auch Privatversicherte, die nicht auf die Rückerstattung ihrer Beiträge verzichten möchten, nützen die Schwächen des Systems. So pochen die Kassen bei einer Kündigung oder beim Tod eines Versicherten nicht nachdrücklich genug auf die Rückgabe der Chipkarte. Der Arzt kann nicht erkennen, dass sie ungültig ist. Er sieht nur das Ablaufdatum auf der Karte.

Eine spezielle Software, mit der gestohlene, ungültige oder gefälschte Karten online erkannt und gesperrt werden können, nützen nur sehr wenige. "Das sind immense Summen, die von den Kliniken, Ärzten, Kassen und damit auch von Beitragszahlern zu Unrecht gestemmt werden müssen", beklagt Dr. Janusz Rat, praktizierender Zahnarzt und Vorsitzender des Datenschutzkontrollausschusses der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV)."Es kann nicht angehen, dass jeder Skipass heutzutage einen höheren Sicherheitsstandard aufweist als unsere Krankenkassenkarten." Eine Alternative wäre es, die Personalausweise zu kontrollieren.

Doch Vertragsärzte und Apotheker weigern sich. "Wir sind keine Behörde und können neuen Patienten nicht von vorneherein mit Misstrauen begegnen", sagt Rat. Der Betrug schadet einerseits den Kunden der Krankenkassen, die für die unversicherten Betrüger letztlich mitzahlen. "Ehrlich versicherte Patienten müssen zudem lange auf Arzttermine warten, während Gauner auf dem Behandlungsstuhl sitzen", sagt Rat. Doch auch die Ärzte bleiben oft auf Kosten sitzen.

Denn mehr Behandlungen bedeuten für sie nicht unbedingt mehr Honorar. Das Budget, das am Ende eines Quartals auf sie aufgeteilt wird, bleibt gleich - egal ob sie schwarze Schafe mitbehandeln oder nicht. Doch nicht nur Chipkartenbetrug verursacht jedes Jahr vermeidbare Kosten. Allein in Bayern ließen sich etwa 7000 Patienten im selben Quartal mehr als 25 Mal Medikamente derselben Gruppe verordnen. "Viele sind süchtig nach bestimmten Medikamenten oder betreiben sogar Handel damit", erklärt Schmidt.

Um den Missbrauch einzudämmen, beschloss das Bundesministerium für Gesundheit bereits 2004 die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Sie soll unter anderem ein Bild des Versicherten enthalten. Doch wurde der Start immer wieder vertagt. Auf Nachfrage beim zuständigen Ministerium heißt es, der Umfang des Projektes mit so vielen Beteiligten sei anfangs unterschätzt worden.

Den Medizinern geht indessen die Geduld aus: "Es muss schleunigst etwas getan werden", sagt Rat. Ende dieses Jahres soll die Gesundheitskarte endlich eingeführt werden. Zunächst allerdings nur in der Region Nordrhein. Die ersten Kartenlesegeräte in bayerischen Praxen werden laut der Betreibergesellschaft im zweiten Quartal 2009 Einzug halten.

Doch sehen viele die Neuerung mit Skepsis. Die Finanzierung ist noch immer nicht geklärt. Zudem soll zunächst nur etwa ein Fünftel der alten Karten ausgetauscht werden. "Dieser Wechsel verläuft eindeutig zu langsam und öffnet vorübergehend sogar neue Türen für weitere Betrugsmöglichkeiten", prophezeit Irmgard Düster, Leiterin der Abteilung Telematik der KZBV. "Anstatt teure Softwarelösungen zu entwickeln, hätte man die Karten einfach durch ein Bild des Patienten ergänzen können", klagt Rat.

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