Krisenjahr 2009:

35 000 Insolvenzen erwartet

Berlin - Insolvenzverwalter und Inkasso-Unternehmen erwarten in diesem Jahr rund 35 000 Unternehmenspleiten in Deutschland - knapp 6000 mehr als im vergangenen Jahr.

Diese Zahl werde “sicher erreicht, wenn nicht gar übertroffen“, sagte der Vorsitzende des Insolvenzverwalter-Verbandes VID, Siegfried Beck, am Donnerstag in Berlin. Dieselbe Prognose kam vom Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU).

„Insolvenzwelle setzt sich fort“

Im vergangenen Jahr zählte das Statistische Bundesamt 29 291 Unternehmensinsolvenzen. Die meisten Pleiten in der Nachkriegszeit, jeweils rund 39 200, gab es in den Jahren 2003 und 2004. “Die Insolvenzwelle setzt sich fort“, sagte Beck. Ein Rückgang bei den Insolvenzanmeldungen sei vermutlich erst Ende 2010 zu erwarten. “Es könnte im Mittelstand eine Katastrophe drohen“, warnte Beck. Viele Mittelständler hätten keine Reserven mehr, um ans rettende Ufer zu gelangen. Grund dafür sei auch, dass die Kreditvergabe der Banken “weiterhin sehr vorsichtig“ sei, auch wenn die Institute anderes behaupteten.

BDIU-Präsident Wolfgang Spitz sagte, “die Liquidität der Unternehmen ist stark ausgetrocknet, viele Gläubiger müssen inzwischen immer länger auf das ihnen zustehende Geld warten.“ Er nannte es besonders beunruhigend, dass “neben traditionsreichen Unternehmen wie Arcandor, Märklin und Schiesser auch immer mehr mittelgroße, am Markt etablierte Unternehmen von Insolvenzen betroffen“ seien.

Handwerkspräsident Otto Kentzler sagte, eine flächendeckende Kreditklemme sei in seiner Branche bislang nicht festzustellen. “Aber die deutlich gestiegenen Anforderungen an Kreditsicherheiten bereiten unseren Betrieben Schwierigkeiten“, vor allem bei der Finanzierung von Betriebsmitteln. “An die neuen Globaldarlehen der KfW knüpfen wir große Erwartungen“, fügte Kentzler hinzu.

Insolvenzantrag rechtzeitig stellen

Der Insolvenzverwalter Beck appellierte an Unternehmen mit Zahlungsproblemen, rechtzeitig einen Insolvenzantrag zu stellen. “Viele Unternehmen kämpfen, bis es nicht mehr geht.“ Dann sei es für eine Sanierung meist zu spät. Der VID spricht sich dafür aus, die Arbeit der rund 2000 Insolvenzverwalter “strengen und verbindlichen Qualitätsstandards zu unterwerfen“. Bisher genüge es, die Gerichte von den eigenen Fähigkeiten zu überzeugen. “Ob sie's können, stellt sich erst in der Praxis heraus“, sagte Beck.

Sein Verband wolle eine gesetzlich verankerte Berufsordnung. Zugleich wies Beck die Kritik zurück, dass Insolvenzverwalter häufig versagten. Ein großer Teil von ihnen seien schon heute Vollprofis, gerade wenn es um große Unternehmen gehe.

Die Gewerkschaft Verdi hatte im Fall des insolventen Versandhändlers Quelle Zweifel geäußert, dass die Suche nach neuen Investoren ernsthaft betrieben wurde. Die Interessen der Gläubiger seien über die der Arbeitnehmer gestellt worden. Beck meinte dazu, die deutsche Insolvenzordnung verlange schon heute gleichberechtigt Gläubigerschutz und den Erhalt der Betriebe. Einen generellen Vorrang für den Arbeitnehmerschutz dürfe es nicht geben. Bei einer Insolvenz müsse “der Mangel unter allen Betroffenen gerecht verteilt werden“.

dpa

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