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Prestigeobjekt: „The Crystal“ an den Royal Victoria Docks in London ist eine Mischung aus Museum, Vertriebs- und Konferenzzentrum. Hier will Siemens zeigen, was im Städtebau heute möglich ist.

Siemens eröffnet Zentrum in London

Ein Kristall für den Städtebau

London – Die Zentrale des Siemens-Sektors „Infrastruktur und Städte“ ist zwar in München, doch sein Aushängeschild steht in London. „The Crystal“ ist eine Mischung aus Museum, Kongress- und Vertriebszentrum. Doch die glitzernde Fassade kann nicht alle Probleme des Konzerns verdecken.

Das glitzernde Wasser des Hafenbeckens der Royal Victoria Docks spiegelt sich in den Fassaden des futuristischen Gebäudes im Londoner Stadtbezirk Newham. Die „neue Attraktion Londons“ soll „The Crystal“ werden, sagt der Bürgermeister der Stadt, Boris Johnson. Das Gebäude am „Siemens Brothers Way“ mit den eckigen, ungleichmäßigen Formen ähnelt tatsächlich einem Kristall. Hier in der britischen Metropole hat Siemens gestern eine Art BMW-Welt ohne Autos eröffnet. In einer Mischung aus Museum, Konferenz- und Vertriebszentrum will der Industriekonzern künftig zeigen, was er in Sachen Städtebau leisten kann.

Rund 35 Millionen Euro hat Siemens sich allein den Bau von „The Crystal“ nach dem Entwurf des Architekturbüros Wilkinson Eyre kosten lassen – das Grundstück in Sichtweite der Londoner City noch nicht mitgerechnet. Es soll laut Siemens eines der grünsten Bürogebäude der Welt sein. Schließlich will der Sektor „Infrastruktur und Städte“ auch mit grüner Technik Geld verdienen.

Wer die Verantwortlichen in den Metropolen der Welt dazu bringen will, viel Geld auszugeben, muss ihnen heute auch helfen, welches zu sparen, erklärt der Chef der Sparte Roland Busch. Schließlich kämpfen die öffentlichen Haushalte in Europa und den USA mit der Schuldenkrise, da sind große Investitionen in neue Infrastruktur selten drin. Doch Siemens hat Wege entwickelt, wie beide Seiten profitieren können. So sanierte der Konzern in Berlin 120 öffentliche Gebäude – auf eigene Kosten. Die Ersparnis bei den Energiekosten teilen sich Siemens und die Stadt. In San Francisco habe man es mit Hilfe neuer Technik geschafft, die Parkplätze besser zu überwachen und so die Einnahmen mit Knöllchen zu verdoppeln, erzählt Busch.

Noch immer macht die erst vor einem Jahr gegründete Städte-Sparte den Großteil ihrer Geschäfte in Europa und den USA. Fünf Städte sind unter den Top-20-Kunden: neben München und London auch New York, Berlin und die Rhein-Ruhr-Region. Allein in diesem Jahr haben die zehn größten Kunden unter den Städten Siemens einen Umsatz von rund 850 Millionen Eurobeschert. Um das Geschäft weiterauszubauen, sollen 60 Manager sich gezielt jeweils um eine Metropole bemühen. Dirigiert werden sie aus dem Londoner Kristall.

Doch warum steht „The Crystal“ nicht neben der BMW-Welt in München, wo auch die Zentralen des Sektors und des Konzerns beheimatet sind, sondern in der britischen Hauptstadt. „Wir haben eine Umgebung gesucht, in der wir unsere Technologie zeigen können“, sagt Busch. Mit der Express-Bahn zum Flughafen und der City-Maut hat Siemens in London gleich für zwei Prestigeprojekte die Technik geliefert. Doch auch in München fahren U-Bahnen des Konzerns. „Die Kunden müssen auch zu uns kommen wollen“, sagt Busch. Viele Verantwortliche seien ohnehin regelmäßig in London, München habe man mit der Zentrale der Sparte gut abgedeckt.

Doch „The Crystal“ soll nicht nur ein Vertriebszentrum sein. Von privaten Besuchern der Ausstellung über nachhaltigen Städtebau will Siemens sogar Eintritt verlangen, auch wer eine Konferenz in den Räumen veranstalten will, muss zahlen. Decken dürfte das die Betriebskosten jedoch nicht.

Stattdessen geht es auch ums Prestige: Zur Eröffnung gestern Abend reiste extra Konzernchef Peter Löscher an, gefeiert wurde mit großer Lichtshow. Doch die glitzernde Fassade des Kristallbaus kann die Probleme von Siemens nicht verdecken. Busch ist für seine Sparte vorsichtig mit einer Prognose. „Wir wollen schneller wachsen als der Markt“, sagt er nur. Ein Spruch, den Manager gern sagen, wenn sie lieber keine konkrete Zahl nennen wollen, an der man sie später messen kann. „Aus Europa erwarten wir keinen Rückenwind.“

Auch der Gesamtkonzern tut sich mit seiner eigenen Prognose derzeit schwer. Fehler unter anderem beim Anschluss großer Windparks haben zu hohen Abschreibungen geführt. Im Herbst wird Löscher auch deshalb Details zu einem Sparprogramm bekanntgeben. Während die Manager noch in London feiern, wird in München bereits spekuliert. Zwar hatte Löscher im Mitarbeitermagazin „Siemens-Welt“ auf die Frage nach möglichen Entlassungen geantwortet: „Das war noch nie unser Ansatz und wäre viel zu kurz gedacht.“ Doch das „Manager Magazin“ will erfahren haben, dass es vor allem die Verwaltung treffen wird, Doppelfunktionen sollen abgebaut werden. Sollte im Oktober tatsächlich der Stellenabbau folgen, wird das Glitzern der Fassade in London schnell vergessen sein.

Philipp Vetter

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