Die kritische Personalie Kleinfeld

Siemens: - Die Aufsichtsräte von Siemens müssen heute eine zukunftsweisende Entscheidung treffen - für den Konzern und für seinen Chef Klaus Kleinfeld. Dessen Vertrag läuft nur noch fünf Monate. Dafür, ihn zu verlängern, spricht vieles. Dagegen aber auch.

München - Die Details waren schon kolportiert worden: Klaus Kleinfeld sollte einen Vertrag als Siemens-Chef bis 2012 erhalten. Falls er entgegen bisheriger Erkenntnisse doch wegen einer der zahlreichen Affären im Konzern zurücktreten müsste, würde er keine Abfindung erhalten. So galt es als ausgemacht. Bis die "Financial Times Deutschland" nun unter Berufung auf Aufsichtsratskreise meldete, dass Kleinfelds Karriere bei Siemens schon bald beendet sein könnte. Heute trifft das Kontrollgremium die schwierige Entscheidung.

Das spricht für Kleinfeld

Mit einer gewagten Versprechung hatte sich Kleinfeld vor zwei Jahren unter Druck gesetzt: Nach spätestens 24 Monaten sollten alle Geschäftsbereiche des Siemens-Konzerns auf Kurs sein, kündigte er an. Morgen kommt der Moment der Wahrheit. Wenn Kleinfeld die Halbjahreszahlen von Siemens bekannt gibt, muss jede Sparte eine vorher festgelegte Gewinnmarge erreichen. Und das wird auch gelingen, zeichnet sich ab. Mit radikalen Umbauten hat Kleinfeld den Konzern auf wirtschaftliche Hochleistung getrimmt. Damit hat der 49-Jährige die Investoren überzeugt: Seit Jahresbeginn ist der Kurs der Siemens-Aktie über 20 Prozent gestiegen. Der Deutsche Aktienindex schaffte in dieser Zeit die Hälfte.

Deshalb wären die Anleger enttäuscht, wenn Kleinfelds Vertrag nicht verlängert würde. Auf die entsprechenden Gerüchte reagierte die Siemens-Aktie gestern mit einem Kursabschlag von rund zwei Prozent.

Eine Notwendigkeit, Konsequenzen aus den Korruptions-Affären zu ziehen, scheint auch nicht zu bestehen. Kleinfeld wird bei den Ermittlern nicht als Beschuldigter geführt. Während der fraglichen Zeit war er überwiegend in den USA tätig. Auch eine interne Untersuchung der von Siemens beauftragten Kanzlei Debevoise & Plimpton kommt zum Schluss, dass Kleinfeld nicht in die Skandale verwickelt ist, schreibt die "Financial Times Deutschland". Fragwürdig ist dagegen die Rolle des heute scheidenden Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer. Die Korruptionsaffären stammen überwiegend aus seiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender. Mit Bekanntgabe seines Rückzugs hatte Siemens einen personellen Neuanfang signalisiert - der Druck auf Kleinfeld war mit diesem Schritt gesunken.

Fraglich ist auch, wer als Ersatzmann für Kleinfeld in Frage käme. Genannt wurde Linde-Chef Wolfgang Reitzle (siehe Gesicht des Marktes). Das Unternehmen selbst kommentiert diese Gerüchte nicht. Doch Branchenkenner halten es für unwahrscheinlich, dass Reitzle bald bei Linde aufhören könnte. Sein Vertrag läuft bis 2013. Das Unternehmen muss noch starke Konzernumbauten verdauen. "Gehen Sie davon aus, dass Herr Reitzle bei Linde bleiben wird", sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber dieser Zeitung. Zudem verdient Reitzle bei Linde mit zuletzt 7,4 Millionen Euro doppelt so viel wie Kleinfeld bei Siemens.

Das spricht gegen Kleinfeld

Allerdings hat Reitzle sich bei den Umbauten von Linde nicht mit den Arbeitnehmervertretern überworfen. Zuletzt lobte er das deutsche System der Mitbestimmung: "Die Arbeitnehmervertreter helfen uns enorm. Die konstruktive Begleitung im Aufsichtsrat ist nützlich für uns." Kleinfeld dagegen gab Beschäftigten und Gewerkschaften mehrfach Grund zum Unmut - wegen harter Sparmaßnahmen und Umbauten im Konzern, dem Desaster der ehemaligen Siemens-Handysparte ein Jahr nach der Abgabe an den taiwanischen BenQ-Konzern und einer 30-prozentigen Gehaltserhöhung, die der Aufsichtsrat den Siemens-Vorstanden gönnte.

Zudem bleibt ein Restrisiko, dass doch noch eine Verwicklung Kleinfelds in einen der Siemens-Brandherde offenbar wird. Dies müsste vor allem Gerhard Cromme fürchten. Er wird heute den Aufsichtsratsvorsitz von Heinrich von Pierer übernehmen. Nach Informationen dieser Zeitung beabsichtigt der 64-Jährige, nicht nur die Zeit bis zu den nächsten Wahlen des Gremiums 2008 zu überbrücken, sondern sich langfristig als Chefkontrolleur bei Siemens zu engagieren. Cromme hat sich einen Namen gemacht als Chef der Regierungskommission für transparente Unternehmensführung. In dieser Funktion muss er besonders sorgfältig vorgehen.

Zudem droht das lange Hinhalten einer Vertragsverlängerung Kleinfeld zu beschädigen. Linde-Chef Reitzle etwa bekam seinen Vertrag ein Jahr vor dessen Auslaufen verlängert. Kleinfelds Bindung an Siemens erlischt nach bisherigem Stand am 30. September.

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