Krummes Symbol der unfairen Welt

- San José - Die Banane kann nicht anders, als krumm zu sein. Sie wird gezerrt von Konzernen, gedrückt von Politikern und gebogen von Verbrauchern. Die Frucht mit dem globalen Milliardenmarkt ist eine Chance für Entwicklungsländer. Sie wächst nicht in den Industrieregionen Nordamerikas und Europas. Trotzdem wird in diesen Ländern bestimmt, wie Bananen aussehen, unter welchen Bedingungen sie angebaut werden und wie viel dafür bezahlt wird. "Die Unfairness der Welt" nennt ein Farmer dieses Phänomen - die Banane ist ihr Symbol.

<P>Im Osten des mittelamerikanischen Kleinstaates Costa Rica wachsen die außergewöhnlichsten Bananen der Welt. Auf einem Feld neben der Landstraße stehen die "Betende", deren Früchte ineinander verschränkt wachsen wie gefaltete Hände, und die "Saure" mit Zitrus-Beigeschmack - dutzende Arten von Bananen, aus anderen Erdteilen geholt oder zusammengekreuzt. "Wir arbeiten an der Barbiepuppe der Bananen", sagt einer der Forscher, die hier im Auftrag von Corbana tätig sind. Die teilstaatliche Organisation vertritt die 120 Bananenfarmer des Landes.</P><P>Die Massenproduktion ist das Geschäft weiter südlich in der Region Limón. Hier bedecken kilometerlange Palmen-Reihen die Erde. Seile halten die auf Ertrag gezüchteten Bäume aufrecht, mit Insektengift imprägnierte Tüten bedecken die Stauden. Von Pisten zwischen den Hainen starten Flugzeuge, sprühen Gift. Weder Tiere noch Pflanzen sollen den Bananen schaden. Die Arbeiter wuchten die Früchte in feucht-heißer Luft durch die Plantagen. Wenn sie Glück haben, arbeiten sie auf einer Anlage wie "La Estrella" (der Stern), eine Plantage, die man Besuchern aus Europa zeigt. Hier bewohnt mehr als die Hälfte der Arbeiter kostenlos ein Haus auf dem Gelände, es gibt eine Schule, einen Fußballplatz und eine Kirche. Die Arbeiter verdienen mehr als das Mindestgehalt. Das ist gesetzlich auf 228 Dollar pro Monat festgelegt.</P><P>Auf diese Errungenschaft ist man stolz in Costa Rica - und auf viele weitere: Die Plastiksäcke aus dem Bananenanbau werden recycelt, die Menge der Chemikalien, die pro Kiste Bananen aufgewendet wird, ist seit dem Jahr 2000 von 18 auf 4 Milliliter gesunken, die Quote der Analphabeten ist niedriger als in den USA, die Armee wurde vor über 50 Jahren abgeschafft. Das Land mit zwei Meeresküsten und fast 4000 Meter hohen Bergen wird auch die "Schweiz Latein-Amerikas" genannt.</P><P>"Es ist auch in Costa Rica nicht alles Gold, was glänzt", sagt Rudi Pfeifer vom Verein Banafair in Deutschland. Die Organisation importiert Bananen von Kleinproduzenten und setzt sich für einen fairen Handel ein. "Was das Umweltbewusstsein betrifft, sind die Standards höher", sagt er. Und auch die Löhne seien "nominal nicht schlecht, wenngleich die Arbeitsbedingungen härter werden". Probleme gebe es mit der Unterdrückung von Gewerkschaften. Trotzdem sind die Umstände in Costa Rica besser als in anderen Produktionsländern der Tropenfrucht, etwa Ecuador, wo die Niedrig-Löhne "zum Davonlaufen" seien, wie Pfeifer beschreibt. Genau das machen die Abnehmer der Bananen. Sie laufen davon, aber in die falsche Richtung.</P><P>Die höheren Standards in Costa Rica bedingen höhere Produktionskosten. Und die schmecken den Käufern nicht, internationalen Bananen-Handelsriesen wie Chiquita, Dole, Del Monte oder der irischen Fyffes. Sie haben Kühlschiffe, Einfuhrlizenzen und Marktmacht. An sie verkaufen die Farmer ihre Früchte, der direkte Weg zum Endabnehmer ist zu weit. Die Farmer-Vereinigung Corbana lässt nach Bananen forschen, die widerstandsfähiger sind, mehr Früchte tragen, Biegung und Farbe haben, wie sie auf dem Weltmarkt gewünscht werden. Für den Wettbewerb mit Billig-Anbietern reicht es trotzdem nicht. Die Anbauflächen in Costa Rica schrumpfen. 17 Farmen mit insgesamt 4000 Arbeitern droht die Schließung. Rudi Pfeifer von Banafair beobachtet einen "Wettlauf nach unten". Die Bananenhandels-Riesen würden zunehmend bei Billigproduzenten kaufen, auch wenn dort "ausbeuterische Bedingungen" herrschten.</P><P>Die Europäische Union wird diesen Wettlauf beschleunigen. Ab 2006 sollen neue Einfuhrbestimmungen für Bananen gelten. Die EU schützt dabei wohl vor allem ihre eigenen Anbaugebiete etwa auf den Kanaren oder in den französischen Überseegebieten. Und sie begünstigt im Rahmen ihrer Entwicklungshilfe die armen AKP-Staaten (Afrika, Karibik, Pazifik). Latein-Amerika bleibt dem Markt überlassen - und damit dem gnadenlosen Preisdruck. Ein Land wie Costa Rica mit 4 Millionen Einwohnern und einem Bruttosozialprodukt, das rund ein Prozent des deutschen ausmacht, kann seine Standards nicht über Subventionen vor dem Marktdruck schützen. Auch wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit passen, ist das Klima für Bananen in Costa Rica nicht mehr gut genug.<BR></P>

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