"Kunden haben nichts zu befürchten"

Bahn-Chef: - Berlin - Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn (64), plädiert vehement für einen Börsengang des größten europäischen Verkehrskonzerns bis Mitte 2008. Es sieht keinen Grund, länger zu warten, und möchte nicht, dass die Teilprivatisierung des Staatsunternehmens noch zum Thema im nächsten Bundestagswahlkampf wird. Im Interview antwortet Mehdorn auch auf die Frage, ob er sich eine Verlängerung seines Manager-Vertrages vorstellen kann.

Herr Mehdorn, 2006 war ein Rekordjahr für die Bahn. Wie stabil ist die Wachstumsbasis nach zwölf Jahren Sanierung wirklich?

Mehdorn: Es ist nicht zu leugnen, dass wir in Qualität und Service besser geworden sind. Noch nie sind so viele Menschen Bahn gefahren, noch nie haben wir so viel Fracht transportiert wie 2006. Außerdem haben wir eine Internationalität des Geschäfts erreicht, die im sich öffnenden Europa lebenswichtig ist. Jeder fünfte DB-Beschäftigte arbeitet mittlerweile außerhalb Deutschlands. Und jeder hilft damit, Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Wir bemerken jetzt gewisse Aha-Erlebnisse: Viele Leute, die uns lange nicht geglaubt haben, sehen, dass wir unsere Ziele tatsächlich erreichen. Und das werden wir auch weiterhin tun.

Mit grünem Licht für einen Börsengang der Bahn tut sich die Politik aber immer noch schwer. Warum dringen Sie trotzdem auf eine Teilprivatisierung unbedingt schon im nächsten Jahr?

Mehdorn: Wenn man es jetzt auf 2009 oder 2010 verlegt, könnte man es auch gleich auf 2011 verlegen, nach dem Motto: Was du heute kannst verschieben, das verschiebe nicht erst morgen. Im Übrigen sind unsere größten Wettbewerber, Arriva und Veolia, schon an der Börse. Und: Man muss auch unseren Mitarbeitern klar sagen: Ziel ist Ziel, und das müssen wir abarbeiten. Wenn man noch drei Jahre weiter diskutiert, brächte es zudem keine neuen Erkenntnisse. Dazu kommt, dass ab Mitte 2008 der Bundestagswahlkampf aufzieht. Wir sind fit. Der Kapitalmarkt würde Anteile der Bahn kaufen, dafür bekommen wir Signale. Es gibt also aus meiner Sicht keinen Grund, es nicht schon 2008 zu machen. Aber natürlich entscheiden am Ende Parlament und Regierung.

Streit gibt es vor allem darüber, wie der Staat auch nach einem Börsengang Einfluss auf den Schienenverkehr behalten kann?

Mehdorn: Wir akzeptieren natürlich den Anspruch der Politik, Transparenz darüber sicherzustellen, was mit der für die Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft wichtigen Mobilitätseinrichtung Bahn passiert. Es gibt da kein Geheimnis. Wir haben aber die große Bitte, dass im Parlament Transparenz und Kontrolle nicht verwechselt werden mit einem Griff in die Speichen. Uns ist es wichtig, dass unser Geschäft unternehmerisch und nicht politisch geführt wird. Denn nur unternehmerisches Handeln bedeutet eine Ausrichtung am Kunden.

Was haben die Kunden denn von einem Börsengang der Bahn?

Mehdorn: Zu befürchten haben die Fahrgäste jedenfalls nichts. Das zeigt das Beispiel der Lufthansa, die ja mal ein Schwesterunternehmen in Bundesbesitz war. Wenn die Lufthansa nicht privatisiert worden wäre, wäre sie nicht die Welt-Airline, die sie heute ist. Sie hätte nicht die modernste Flotte und motivierte Mitarbeiter. So profitieren die Bürger auch bei der Bahn davon, wenn sie nicht mehr nur eine verwaltete Firma ist, sondern dem Kunden gefallen muss. Mit Geld vom Kapitalmarkt wird die Bahn leistungsfähiger, kann in Züge und Bahnhöfe investieren und auch die Mitarbeiter am Erfolg beteiligen. Der Staat kann sich die Bahn gar nicht aus eigenen Mitteln leisten, er muss Kinderkrippen ausbauen und das Bildungs- und Gesundheitssystem in Ordnung bringen. Kurzum, wir brauchen privates Kapital.

Wie schwer ist es für die Bahn, im Konkurrenzkampf mit dem Auto und den aggressiv werbenden Billigfliegern Kunden zu gewinnen?

Mehdorn: Unsere Hauptkonkurrenz auf dem Mobilitätsmarkt ist die Straße. Die Billigflieger stören mich eigentlich weniger, solange es lange Strecken - beispielsweise ins Ausland - betrifft. Aber zwischen Köln und Berlin beispielsweise muss die Bahn pro Fahrkarte für eine Fahrt 23 Euro mehr an Öko- und Mineralöl-Steuern zahlen als die Maschine, die über unserem Zug her fliegt. Ich fordere daher: Auf Strecken, wo direkter Wettbewerb herrscht, muss der Staat deshalb Chancengleichheit herstellen, und das heißt Steuergleichheit.

Die Zukunft eines Prestigeprojekts der Bahn, der Transrapidstrecke bei München, ist ungewiss. Glauben Sie noch an einen Erfolg?

Mehdorn: Ich habe noch nie irgendwo aus Prestige Geld ausgegeben. Eine Transrapidstrecke Hamburg­Berlin hätte sich nicht gerechnet, und deswegen haben wir uns damals dagegen entschieden. In München ist das anders: Die S-Bahn braucht 45 Minuten vom Hauptbahnhof zum Flughafen, die Leute strömen in die Autos, wenn niemand etwas tut. Ein Angebot "Alle zehn Minuten in zehn Minuten" wäre attraktiv, und ein Betrieb wäre wirtschaftlich darstellbar. Die Infrastruktur ist aber nicht über Fahrkarten finanzierbar. Das muss vor allem vom Bund und dem Land Bayern finanziert werden. Die Bahn leistet ihren Beitrag für die Züge und einen Teil der Bahnhöfe an beiden Enden der Strecke.

Es gibt Signale aus dem Aufsichtsrat, Ihren bis Mitte 2008 laufenden Vertrag zu verlängern. Wie lange stünden Sie überhaupt noch zur Verfügung, schließlich werden Sie im Sommer 65?

Mehdorn: Ich fühle mich ganz wohl und stehe nicht morgens auf und gucke in meine Geburtsurkunde. Der Job macht Spaß, und wir haben Erfolg. Wenn der Aufsichtsrat das auch so sieht, dann werden wir uns schon einig.

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