Neue Technik

Verrückt: Lkw-Konvoi mit nur einem Fahrer auf Münchner Autobahn unterwegs

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Auf der Autobahn München–Nürnberg fahren seit Montag zwei Lastzüge, die über weite Strecken nur vom Fahrer im vorderen Fahrerhaus gelenkt werden. Ein Meilenstein auf dem Weg zum autonomen Schwerlastverkehr.

München – Der Fahrer sitzt in der Kabine seines Lastwagens, den Laptop aufgeklappt, er überspielt gerade aktualisierte Aufträge auf den Bordcomputer. Was links und rechts auf der Autobahn passiert, muss ihn nicht interessieren. Darum kümmert sich der Steuermann des Konvois. Der sitzt drei Lastzüge weiter vorn. Vier 40-Tonner haben sich über elektronische Deichseln zu einem Platoon (Englisch für Zug oder Konvoi) zusammengeschlossen. Das alles ist eine ferne Vision.

Doch einen entscheidenden Schritt in diese Richtung haben gestern der Nutzfahrzeugbauer MAN, der Logistik-Dienstleister Schenker (eine Tochter der Deutschen Bahn) und die private Hochschule Fresenius gemeinsam unternommen: Sie schickten zwei gekoppelte Lastzüge in den Praxiseinsatz auf die Autobahn zwischen München und Nürnberg. Bis Ende 2018 soll die Tauglichkeit des Systems auf Herz und Nieren getestet werden.

Hinterer Fahrer hat Hände am Lenkrad

Dabei wird nur ein Teil dessen umgesetzt, was sich Logistiker von der neuen Technologie langfristig erwarten. Es handelt sich um zwei und nicht um vier oder mehr gekoppelte Fahrzeuge. Zum anderen bleibt der Laptop zu. Der Fahrer – auch der hintere – hat seine Hände am Lenkrad. Er ist jederzeit bereit, das Kommando zu übernehmen.

Er trägt aber eine Messhaube, die aussieht wie ein Kopfverband mit zahlreichen Drähten. Mit 32 Sensoren werden die Gehirnströme gemessen und über eine Spezialbrille die Augenbewegungen. Rund eine Milliarde Daten werden so bei einer Fahrt auf der 145 Kilometer langen Versuchsstrecke gesammelt.

So soll ermittelt werden, wie sich das Hinterherfahren auf der Autobahn auf den Mann oder die Frau am Fahrersitz auswirkt. Erholt man sich? Oder wird man müde? Viel zu tun ist jedenfalls nicht – solange der Platoon besteht. Bei einer Bremsung reagiert das elektronisch gesteuerte Fahrzeug innerhalb von 20 Millisekunden – bevor der Fahrer überhaupt merken kann, dass er das Tempo verringern müsste.

Zweiter Fahrer übernimmt im Notfall 

Doch überflüssig ist der Fahrer nicht. In Notfällen übernimmt er. Oder immer, wenn der Platoon aufgelöst wird. Das ist vor jeder Ausfahrt der Fall. Oder wenn ein überholendes Fahrzeug zwischen den beiden Lastzügen den Blinker setzt, um auf die rechte Spur zu wechseln. Oder auch, wenn der Platoon selbst überholen will.

Das wird aber eine seltene Ausnahme sein. Denn die Testfahrzeuge sind mit korrekten 80 Kilometern pro Stunde unterwegs und nicht mit den rund 87 Sachen, bei denen die meisten Lkw das Tempo abregeln. Beim An- und Abkoppeln wird es noch langsamer, weil ein Fahrzeug das Tempo reduzieren muss, um zwischen dem gesetzlichen Abstand von 50 Metern und dem im Platoon erlaubten 20 Metern zu wechseln.

Trotz solcher Einschränkungen in der Testphase gelten Platoons als zukunftsträchtiges Modell für Transporte auf der Autobahn. Mehr Sicherheit spricht für den Fahrzeugverbund. Ebenso ein geringerer Spritverbrauch und damit weniger Emissionen. Insgeheim erwarten sich die Speditionen auch Erleichterungen bei den streng regulierten Lenkzeiten.

Die Bahn ist über ihre Tochter Schenker an dem Versuch beteiligt und erwartet sich durchaus auch Vorteile für ihr Kerngeschäft. Sabina Jeschke, im Vorstand der Bahn für Technik und Digitalisierung zuständig, sieht Möglichkeiten, ähnliche Techniken auch auf der Schiene einzusetzen.

Doch die Straße gibt das Entwicklungstempo vor. Bahn-Logistik-Vorstand Alexander Doll spricht von einer Weltpremiere. MAN-Chef Joachim Drees denkt bereits einen Schritt weiter: An Platoons, die aus Fahrzeugen mehrerer Hersteller bestehen können. Die Technik müsse entsprechend abgestimmt werden. Und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hofft, den Mangelberuf des Lkw-Fahrers durch den Einsatz modernster Technik aufwerten zu können. Er will, wie er sagt, „mehr Bock auf den Bock machen.“

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