Kurzer Halt im Euro-Spurt

- München - Die Europäische Zentralbank (EZB) legt auf der Zinstreppe eine Verschnaufpause ein. Die Zinsen in der Eurozone bleiben vorerst stabil. Und Notenbankchef Jean Claude Trichet deutete an, dass die nächste Zinserhöhung länger auf sich warten lässt, als bislang erwartet wurde.

Seine Äußerung ließ den Euro abrutschen und den Dax ins Plus springen. Doch Experten glauben, dass die Gemeinschaftswährung langfristig weiter steigt.

Dass die EZB die Leitzinsen gestern unverändert bei 2,5 Prozent ließ, hat die Märkte nicht überrascht, wohl aber die anschließende Erklärung von Notenbank-Präsident Trichet. Wie bei Zentralbankern üblich, wurden seine Äußerungen an den Märkten Silbe per Silbe seziert. Und aus den Satzinnereien las man: Die nächste Zins-Erhöhung lässt länger auf sich warten als bislang erwartet.

Wie die Notenbank-Exegese abläuft, zeigt sich in professionellen Analysen. So hat etwa die HypoVereinsbank festgestellt, dass die EZB nun die Risiken für die Preisstabilität nicht mehr nur "genau", sondern "sehr genau" beobachten wolle. Das könnte ein Argument für eine Zinserhöhung sein. Allerdings sei nicht mehr das Wort "Wachsamkeit" gefallen. Damit habe man aber in der Vergangenheit Zinserhöhungen in Aussicht gestellt.

Verglichen damit drückte sich Trichet schonungslos klar aus, als er erklärte: "Ich würde sagen, dass die gegenwärtige hohe Wahrscheinlichkeit, die einer Zinserhöhung bei unserer nächsten Sitzung gegeben wird, nicht dem Gefühl des Rates entspricht." Es wird also wohl keine Anhebung im Mai geben. Im Juni dagegen sei sie durchaus nicht ausgeschlossen. Das heißt: Die Unternehmen können sich wohl einen Monat länger als erwartet mit günstigen Zinsen Kredite besorgen. Die weltweiten Anleger können allerdings einen Monat länger nicht auf steigende Zinsen im Euro-Raum hoffen. Die Folge: Nach Trichets Äußerung rutschte der Eurokurs um etwa einen Cent auf gut 1,22 Dollar und der Dax, der zuvor etwa 0,3 Prozent im Minus lag, drehte ins Plus.

Der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands hat die vorerst stabilen Zinsen begrüßt. Eine deutliche Straffung der Geldpolitik im Euroraum sei nicht erforderlich, stellten die Chefvolkswirte fest. Sie erwarten bei stabilen Rohstoffpreisen zur Jahresmitte einen leichten Rückgang der Inflationsraten im Euroraum. Bis dahin sei mit einem Leitzinsanstieg von 2,5 auf 3,0 Prozent zu rechnen. Und das könnte den Euro-Kurs bald wieder auf Höhenflug bringen.

Bislang winken Anlegern in den USA deutlich höhere Zinsen. Hier liegt der Satz bei 4,75 Prozent. Doch dieser Vorsprung gegenüber dem Euro-Raum wird schrumpfen, glaubt Nikolaus Keis von der HypoVereinsbank. Während die US-Zentralbank Fed seiner Ansicht nach höchstens noch einmal die Zinsen heraufschraubt, nimmt die EZB die 3,0 in Angriff.

Ein triftiger Grund für einen Anstieg des Euro sei nach wie vor das immense Leistungsbilanz-Defizit der Amerikaner. Sie importieren weit mehr als sie exportieren. Ein schwächerer Dollar würde die Exporte stimulieren. "Der Dollar müsste noch zehn Prozent schwächer werden, um auf absehbare Zeit eine deutliche Verringerung dieses Defizits zu sehen", schätzt Keis. Schließlich gibt es auch von außen Druck auf den Dollar, der dem Euro Auftrieb verleihen könnte. Mehrere Notenbanken aus dem Nahen Osten haben angekündigt, Währungsreserven von Dollar in Euro umzuschichten.

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