Vom Laden zum Kaffee-Imperium

- München - Alois Dallmayr muss verkaufen - im Jahr 1895. Mangels Nachkommen konnte der Kaufmann aus Wolnzach in der Hallertau kein generationenübergreifendes Familienunternehmen aus seinem kleinen dunklen Laden in der Dienerstraße machen. Anton Randlkofer kaufte und so gelang dies den Familien Randlkofer und Wille.

Dallmayr ist eines der führenden Feinkostgeschäfte Europas, und in Deutschland kennt fast jeder den Dallmayr Kaffee Prodomo. Das Delikatessenhaus mit seinen über 6000 Artikeln wäre ohne eine Person heute wohl nicht das, was es ist: Therese Randlkofer. Sie übernahm das Geschäft, nachdem ihr Mann Anton kurz nach dem Kauf von Alois Dallmayr gestorben war.

Die geschäftstüchtige Frau besaß ein untrügliches Gespür dafür, was gefragt sein könnte und begann, mit Delikatessen zu handeln. So brachte ihr Importgeschäft zahlreiche kulinarische Neuheiten nach München - hier gab es beispielsweise deutschlandweit die ersten Bananen zu kaufen.

Um zu sparen, erfand die Chefin das kalte Buffet

Außerdem erfand sie "aus Sparsamkeitsgründen", wie Urenkel und geschäftsführender Gesellschafter Georg Randlkofer sagt, die Delikatessensalate. "Sie hatte die Ecken vom Schinken übrig und wollte diese verwerten." Damit war die Idee des kalten Büfetts geboren.

14 Hoflieferantentitel erarbeitete sich Therese Randlkofer, einen weiteren hatte Alois Dallmayr dem Geschäft, dessen Ursprung sich sogar bis 1700 verfolgen lässt, schon eingebracht.

Der Aufbau des Kaffeegeschäfts begann 1933 mit dem Bremer Kaufmann Konrad Werner Wille. Er bereiste Äthiopien, das Heimatland des Kaffees, und führte diese Provenienz als erster auf dem deutschen Markt ein.

An die Anfänge erinnert sich sein Sohn Wolfgang Wille, geschäftsführender Gesellschafter: "Die erste Röstanlage stand in einem großen Raum neben dem Kinderzimmer, nur durch einen Vorhang abgetrennt. Meine Schwester und ich haben die kostbaren Bohnen, die daneben fielen, damals einzeln aufgelesen." Im Jahr 2004 fielen von den 455 Millionen Euro Gesamtumsatz 285 Millionen auf den Kaffee. An dem Markenartikelgeschäft ist der Nestlé-Konzern beteiligt. Über die beiden Tochterunternehmen Azul Kaffee in Bremen und Heimbs Kaffee in Braunschweig beliefert Dallmayr die gehobene Gastronomie.

Die Vending-Sparte, der Verkauf von Heißgetränken aus Automaten, hatte 2004 einen Umsatz von 140 Millionen Euro. Laut Wille arbeiten hier mit 1800 Mitarbeitern fast drei Viertel des 2500 Mann starken Unternehmens. "40 000 Geräte haben wir in Europa aufgestellt und sind damit auf diesem Gebiet führend." Zum Vergleich: Das Delikatessenhaus in der Dienerstraße setzte mit seinen 300 Mitarbeitern 2004 rund 30 Millionen Euro um.

Dass der Bereich Kaffee so gut läuft, liegt an der strategischen Entscheidung der beiden Gesellschafter, die 1977 gemeinsam das Ruder übernahmen: Das Geschäft mit den braunen Bohnen, bislang nur in Bayern betrieben, wurde 1985 aus dem Gesamtunternehmen herausgelöst, mit dem Ziel, "Dallmayr Kaffee deutschlandweit zum Markenartikel zu machen", sagt Wille. Woran liegt es denn, dass heutzutage fast jedes Kind den Gebäudezug in der Dienerstraße kennt? "Ein Grund ist sicher, dass wir seit 1980 mit unserem Haus werben. Wir wollen zeigen, dass wir höchste Qualitätsansprüche haben, dass wir traditionsbewusst sind, dass die Verkäuferinnen mit ganz besonderer Sorgfalt arbeiten, wenn sie in ihren blauen Kleidern und weißen Schürzen den Kaffee auf der Balkenwaage wiegen und auch der Hausmeister Verantwortung übernimmt, wenn er das Dallmayr-Schild poliert."

Auch die massive Ausstrahlung des Werbespots trägt ihren Teil zum Erfolg des überwiegend eigenkapitalfinanzierten Unternehmens bei. Im Durchschnitt drei Mal pro Tag ist die gelbweiße Fassade des Traditionshauses auf dem Bildschirm zu sehen. Rund 20 Millionen Euro gibt Dallmayr jährlich für Werbung aus. Schon früh haben die Unternehmer gewusst, dass sie in den Betrieb einsteigen wollen. Georg Randlkofer hat "schon während der Schulzeit" die Entscheidung getroffen, dass er Dallmayr zu seinem Lebensinhalt machen wollte. Er bildete er sich mit seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen so aus, "dass ich auch etwas anderes hätte machen können - für mein Selbstwertgefühl".

Und auch Wolfgang Wille konnte sich schon als kleines Kind "nichts anderes vorstellen", als in der Nachfolge das weiterzuführen, was sein Vater aufgebaut hatte. Beruhigend für die beiden ist zu wissen, dass sie nicht das Problem von Alois Dallmayr haben werden: Die nachfolgende Generation ihrer Familien arbeitet schon in der Geschäftsführung mit. Immer öfter nimmt Wolfgang Wille seine Tochter Julia Dengler, die für Export und Großverbraucher des Dallmayr Kaffees verantwortlich ist, zum Einkauf des Rohkaffees mit. "Ich bin 65 und möchte, dass sich jemand mit diesen Dingen auskennt." Augenzwinkernd fügt er hinzu: "Ich könnte ja mal vom Stuhl fallen."

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