Länder sparen an Beratung: Verbraucherzentralen in Finanznot

- München - Das Heer der deutschen Versicherungswirtschaft zählt 244 300 Köpfe. Für die Banken arbeiten 712 000 Menschen. Alle Verbraucherschutzorganisationen zusammen kommen auf 2000 Mitarbeiter - Tendenz sinkend. Insbesondere den Verbraucherzentralen werden die staatlichen Mittel gekürzt. Experten befürchten mancherorts "das Ende einer umfassenden Information und Interessenwahrnehmung der Verbraucher".

<P>Überschuldete Jugendliche, Betrüger im Internet, Abzocke am Telefon, übergewichtige Kinder, überrumpelte Senioren, ausgenommene Anleger - der Bedarf nach Hilfe für Verbraucher wächst. Allein von 2001 auf 2002 ist die Zahl der Beratungen in den Verbraucherzentralen um 15 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr suchten Menschen 3,7 Millionen mal Hilfe bei den Beratungsstellen. Edda Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, sagt: "Die Bürger brauchen in einer immer komplexeren Konsumwelt unabhängige Orientierung." Nur ist die immer seltener verfügbar.<BR><BR>Die Finanzierung der Verbraucherzentralen ist Aufgabe der Länder. Und die wollen sparen. Heuer werden im Schnitt fast zehn Prozent der "institutionellen Finanzierung" - also der Mittel für den dauerhaften Betrieb - gestrichen. Besonders stark erwischt es Mecklenburg-Vorpommern, wo zeitweise wegen Insolvenz die Verbraucherberatung eingestellt war. In Bayern teilen sich die Verbraucherzentrale und der Verbraucherservice im Katholischen Deutschen Frauenbund die Beratung. Bei beiden sollen die Zuschüsse heuer nicht gekürzt werden. "Es ist uns wichtig, die institutionelle Förderung auf ihrem Niveau zu halten", erklärt eine Sprecherin des bayerischen Verbraucherschutzministeriums. Doch dieses Niveau scheint im Ländervergleich niedrig.<BR><BR>Zusammen erhalten beide Institutionen heuer eine Grundförderung von etwa 1,95 Millionen Euro. Pro Einwohner ergibt sich ein Betrag von 16 Cent. In Nordrhein-Westfalen etwa liegt der Wert bei 49 Cent, in Sachsen bei 46 und in Thüringen bei 53. "Die Grundförderung pro Kopf ist ein wichtiger Indikator für die Frage, wie eine Verbraucherzentrale dasteht", erklärt Günter Hörmann, Sprecher des Arbeitskreises der Verbraucherzentralen. Sie sei der Dreh- und Angelpunkt, um den sich weitere Projekte ranken, die staatlich oder aus Eigeneinnahmen - wie Beratungsgebühren - finanziert werden. Die bayerischen Institutionen wagen es nicht, sich über ihren Geldgeber zu beschweren. "In Anbetracht der Finanzlage des Bundes und der Länder ist eine Beibehaltung des Niveaus eine gute Basis", sagt Erhard Kremer, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Bayern. "Unsere bayerischen Verbraucher sind derzeit vom Staat gut bedient", meint Irmingard Schmid, Landesvorsitzende des Frauenbundes.<BR><BR>Im Verbraucherschutzministerium verweist man auf zusätzliches Engagement der Verwaltung. Dazu zählt unter anderem das Verbraucherinformationssystem im Internet (www.vis.bayern.de), das über Ernährung und Technik sowie ab Herbst über Rechtsfragen informiert. Auch Bereiche wie staatliche Lebensmittelüberwachung können nach Ansicht von Verbraucherschützern dazu gerechnet werden.<BR><BR>Diese Aspekte sollen in einer Rangliste berücksichtigt werden, die das Engagement der Länder objektiv beurteilen soll und die der Bundesverband im Spätherbst veröffentlichen will. Ziel des Verbandes ist eine Verbraucherministerkonferenz, in der über die Zukunft der Verbraucherarbeit beraten wird. Bundesverbraucherministerin Renate Künast mahnte zwar die Länder, die "Menschen mit ihren Alltagsfragen und -sorgen bis hin zur Schuldnerberatung nicht allein zu lassen". Eine Ministerkonferenz lehnt sie aber ab. Sie fürchtet wohl, dass die Länder den Verbraucherschutz zu größeren Teilen auf den Bund abladen wollen.</P>

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