Länger arbeiten half nichts: Conti schließt ein ganzes Reifenwerk

- Hannover - Die Zahl von 320 Beschäftigten klingt bei einem Konzern mit weltweit rund 82 000 Beschäftigten nicht alarmierend. Und doch ist das Aus für die Pkw-Reifenfertigung bei Continental in Hannover-Stöcken ein Signal. Es ist gewissermaßen das Stammwerk des Reifenbauers, der einen Großteil seines Umsatzes längst mit Bremssystemen und Fahrwerkskomponenten macht.

Seit Monaten unkt Konzernboss Manfred Wennemer über ein Ende der Reifenproduktion in Deutschland. Nun folgen Taten. Auch wenn der Konzern mitteilt, dass andere Standorte nicht gefährdet seien, zweifelt die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (BCE) an seinen Worten.

Was die Arbeitnehmervertreter besonders ärgert: Für das Werk, das nun geschlossen wird, wurde eine Arbeitszeitverlängerung auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich vereinbart. Die Beschäftigten verzichteten auch auf die diesjährige Tariferhöhung. Hier muss der Konzern jetzt nachzahlen. "Das unerwartet geringe Wachstum der Pkw-Reifen und die damit geschaffenen Fakten ließen uns keine andere Wahl", sagte Wennemer.

Für Gewerkschaftsboss Hubertus Schmoldt stellt sich die Frage, wie die Gewerkschaft bei Conti künftig mit tariflichen Öffnungsklauseln umgehen wird. Man müsse die Frage stellen, warum die Beschäftigten Opfer gebracht hätten, wenn Wennemer wenig später das "Fallbeil" fallen lasse.

Wennemer gilt als Kostenkiller und ist ein unermüdlicher Trommler für längere Arbeitszeiten. 45 Stunden sind sein Ziel. Mehrfach bereits konnte er in einzelnen Teilen des Konzerns Mehrarbeit durchsetzen.

Doch das reicht nun nicht aus. Wennemer verweist dabei auf eine "grundsätzliche Strategie", dass bei einer Marktabschwächung Kapazitäten an Standorten mit hohen Kosten abgebaut werden. Es handle sich um die kleinste und auch insgesamt teuerste Reifenproduktion der Continental. Der Erfolg gibt Wennemer durch eine Serie von Rekordgewinnen Recht. Und immerhin steht die gesamte Auto-Zulieferbranche unter einem permanenten Kostensenkungsdruck, der von den Herstellern aufgebaut wurde.

Doch hatte der Konzern schon einmal in Hannover-Stöcken - in dem Werksteil, in dem Nutzfahrzeugreifen hergestellt werden - weit differenzierter auf eine ähnliche Ausgangslage reagiert: mit Flexibilisierung. "Das Werk Stöcken als einziges Nutzfahrzeug-Reifenwerk der Continental AG an einem Hochkostenstandort hat die wichtige Aufgabe, Mengenänderungen in der Produktion aufzufangen", sagte Vorstandsmitglied Hans-Joachim Nikolin bei der Vorstellung eines neuen Schichtmodells 2002. Um schnell auf Auftragsschwankungen zu reagieren, wurden 12 bis 21 Schichten pro Woche vereinbart und eine Übertragbarkeit von Arbeitszeitkonten über mehrere Jahre. Die gleichzeitig vereinbarte Verkürzung der Arbeitszeit von 38,5 Stunden auf 37,5 Stunden in der Woche wurde in späteren Verhandlungen wieder rückgängig gemacht.

Continental produziert Reifen längst vorwiegend in Ländern mit weit geringeren Arbeitskosten als in Westeuropa und Nordamerika (wo das Werk Mayfield 2004 mit ähnlichen Argumenten bereits geschlossen wurde). Erstmals werde eine Produktion geschlossen, die profitabel arbeite, kritisiert Gewerkschafts-Sprecher Peter Wind. "Das ist eine neue Dimension wirtschaftlichen Kalküls." Die bislang als vergleichsweise arbeitgeberfreundlich geltende Gewerkschaft hat eine härtere Gangart angekündigt.

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