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Weg von der Stechuhr: „Die Arbeitszeiten müssen flexibler werden“, fordern die Autoren einer neuen Studie der Stiftung Marktwirtschaft. Die Wochenarbeitszeit müsse grundsätzlich verlängert werden.

Deutschland im europäischen Vergleich hinten

Müssen wir bald länger arbeiten?

München – Im Vergleich zu anderen Europäern verbringen die Deutschen wenig Zeit in der Arbeit. Ohne eine längst überfällige Trendwende sei das heutige Wohlstandsniveau nicht zu halten, heißt es.

Es ist ein verheerendes Zeugnis, das die Stiftung Marktwirtschaft der Bundesregierung in ihrer neuen Studie „Mehr Arbeit wagen“ ausstellt. Für Studienleiter Guido Raddatz ist klar: „Die Bundesregierung ist dabei den in den vergangenen Jahren durch Reformen mühsam aufgebauten Wohlstand, leichtfertig zu verspielen.“ Zugleich fordert der Ökonom, die Deutschen sollten deutlich mehr arbeiten. Auch werde ein Renteneintrittsalter von 67 nicht ausreichen, um den heutigen Lebensstandard hierzulande zu erhalten.

Die demografische Entwicklung bereitet dem Forscher massiv Sorge. Es sei bereits heute absehbar, dass der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter an der deutschen Bevölkerung überproportional schrumpfen werde. „Bleibe parallel dazu der Trend zu immer kürzeren Arbeitszeiten bestehen, ginge das Arbeitsvolumen sehr viel schneller als bisher zurück“, heißt es in der Untersuchung, die unserer Zeitung vorliegt. Und weiter: „Die volkswirtschaftlichen Folgen für Produktion und Wohlstand wären fatal.“ Studienleiter Raddatz sieht in dieser Frage neben den Tarifparteien vor allem die Politik in der Pflicht. Doch anstatt geeignete Maßnahmen zu ergreifen, verschlimmere die Bundesregierung durch die Einführung der Rente mit 63 die Situation sogar noch.

Raddatz verweist darauf, dass die Jahresarbeitszeit Zahlen der Europäischen Kommission zufolge in Deutschland seit 1970 um über 600 Stunden und damit fast ein Drittel gesunken ist. Dies ist der größte Rückgang aller von Raddatz verglichenen 18 Industrieländer. In Frankreich sei die Arbeitszeit im gleichen Zeitraum um ein Viertel, in den USA um 7,2 Prozent gesunken. Mit im Durchschnitt 1659 tariflich vereinbarten Stunden pro Jahr arbeiteten die Deutschen im Vergleich zu den anderen 27 EU-Staaten der Studie zufolge – mit Ausnahme von Frankreich und Dänemark – am wenigsten. „Würden die Deutschen so viel arbeiten wie die US-Amerikaner, würde das Bruttoinlandsprodukt hierzulande um ein Viertel höher ausfallen“, hat Raddatz errechnet.

Die Studie, die weitgehend auf öffentlich zugängliche Daten zurückgreift, prognostiziert einen massiven Mangel an Fachkräften: Auch unter Berücksichtigung der Auswirkungen der Rente mit 67 werde die Zahl der Erwerbspersonen bis 2030 etwa neun Prozent unter dem Stand von 2010 liegen, drei Jahrzehnte später sogar 26 Prozent niedriger – die Folgen der teilweisen Rente mit 63 seien dabei noch gar nicht miteinbezogen.

Doch bereits in den kommenden Jahren werde es negative Effekte geben. So werde Deutschland zwar aufgrund des enormen technologischen Fortschritts sowie des kontinuierlich hohen Kapitaleinsatzes den Umfang seiner Produktion bis 2019 laut Schätzungen der Bundesbank weiter steigern. Der „Produktionsfaktor Arbeit“ werde, anders als zwischen 2008 und 2013, in den kommenden Jahren jedoch so gut wie keinen positiven Beitrag mehr zum Wirtschaftswachstum leisten. Dies liege an der der stagnierenden Zahl der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden. Und sollte die Zuwanderung weniger hoch als erwartet ausfallen, hätte dies den Zahlen zufolge sogar eine Wachstumsdelle zur Folge.

„Die Arbeitszeiten müssen deshalb flexibler werden“, fordert Raddatz. Eine 37,5-Stundenwoche wie bislang sei nicht zu halten. In seiner Studie fordert er zudem, das Renteneintrittsalter noch weiter nach hinten zu verschieben: „Angesichts der kontinuierlich steigenden Lebenserwartung, liegt es auf der Hand, dass zumindest ein Teil dieses durchschnittlichen Zugewinns an Lebenszeit in Erwerbstätigkeit verbracht werden sollte.“

Die Rente mit 67, die ab 2030 für viele Beschäftigte gelten soll, hält Raddatz für nicht ausreichend. Wie lange die Deutschen genau arbeiten müssten, um das heutige Wohlstandsniveau zu erhalten, ließ Raddatz offen. Um die Folgen des demografischen Wandels zu kompensieren, hält die arbeitgebernahe Stiftung Marktwirtschaft zudem mehr Zuwanderung von Fachkräften und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für unabdingbar.

Der DGB Bayern weist die Forderung nach einem späteren Renteneintritt zurück. „Viele Beschäftigte sind schon heute nicht in der Lage bis 65 oder 67 durchzuhalten“, sagt Gewerkschaftssprecher unserer Zeitung. Eine Anhebung der Wochenarbeitszeit nannte er „auch volkswirtschaftlich schädlich“. Diese würde nur zu mehr Kranken führen. Sinnvoll sei es, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. „Statt rückwärtsgewandte Forderungen aufzustellen, wäre es besser, darüber zu diskutieren, wie man die Arbeit besser verteilen kann“, so der Sprecher.

Tobias Lill

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