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Was macht glücklich? Ein vierblättriges Kleeblatt soll jedenfalls Glück bringen.

Alternative zum BIP

Wie lässt sich Wohlstand messen?

München - Was bedeutet Wohlstand? Kann man Lebensqualität messen? Weltweit suchen Wissenschaftler nach Antworten – auch in Deutschland. Eine Enquete-Kommission soll eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) finden – den ultimativen Wohlstandsindikator. Eine Suche, bei der die Zuständigen an Grenzen stoßen.

Im Königreich Bhutan ist Glück das oberste Staatsziel. Nicht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist das Maß aller Dinge, sondern das Bruttonationalglück. „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen“, heißt es in der Verfassung des buddhistischen Königreichs (Artikel 9, Absatz 2). Gemessen wird das Glück an vielen Faktoren, unter anderem zählen Gerechtigkeit, Harmonie und Spiritualität.

Lange belächelt, gibt es mittlerweile in vielen Ländern eine Debatte, ob nicht doch etwas dran ist am Modell aus Bhutan. Eine Debatte darüber, ob die Orientierung auf das Wachstum des BIP ausreicht, um Wohlstand, Lebensqualität und gesellschaftlichen Fortschritt zu messen. Aktuell gibt es unter anderem Initiativen in den USA, Austr-alien und Großbritannien.

Auch in Deutschland sind sich die politischen Parteien einig, dass das BIP überholt ist. „Unstreitig ist, dass das BIP soziale und ökologische Aspekte nicht hinreichend abbildet“, heißt es in einem parteiübergreifenden Antrag, auf dessen Grundlage der Bundestag eine Enquete-Kommission eingesetzt hat. Ein Beispiel: Ein Wirbelsturm oder eine Ölkatastrophe belasten die Umwelt, verursachen menschliches Leid und Schäden in Millionenhöhe. Gegenmaßnahmen lassen aber den Umsatz und damit das BIP steigen. Die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ soll deshalb eine Alternative zum BIP finden – einen umfassenden Wohlstandsindikator, an dem man ablesen kann, wie glücklich die Deutschen gerade sind.

Aber was macht glücklich? Welche Kriterien sind entscheidend? Reichtum, Wohlstand, Bildung, Gesundheit oder ökologische Nachhaltigkeit? Und wie soll man solche weichen Kriterien messen? Fragen, denen die Enquete-Kommission nachgeht. Sie besteht aus 34 Mitgliedern, 17 Bundestags-Abgeordneten und 17 Sachverständigen. Einer von ihnen ist Kai Carstensen, Leiter des Forschungsbereichs Konjunktur und Befragungen am Münchner ifo-Institut. Er wirkt nach mehr als einem Jahr Arbeit in der Enquete-Kommission ernüchtert. „Ich wusste nicht, auf was ich mich einlasse“, sagt er. „Von Wohlstand hat jeder eine andere Vorstellung.“

Dabei war der Auftrag an die Kommission klar: die Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators. Die Politiker und Experten bildeten Arbeitsgruppen, untersuchten mehr als zwei Dutzend Indizes, werteten Statistiken aus, verfassten einen 50-seitigen Zwischenbericht – und stießen an ihre Grenzen.

„Den einen Wohlstandsindikator gibt es nicht“, sagt Kai Carstensen heute. „Diesen Zahn mussten wir der Politik ziehen.“ Jetzt soll ein Kompromiss her. Vier oder fünf Indikatoren will die Enquete-Kommission entwickeln. Welche? Da sei das letzte Wort noch nicht gesprochen, so Carstensen. In Frage kämen: Wirtschaft, Lebensqualität, ökologische und finanzielle Nachhaltigkeit. Das BIP und die Arbeitslosenquote könnten im Indikator „Wirtschaft“ aufgehen – die Haushaltslage des Bundes und die Verschuldung der Privatwirtschaft könnten ihren Platz im Indikator „finanzielle Nachhaltigkeit“ finden. Auch die Verteilungsgerechtigkeit sei ein großes Thema, erläutert Carstensen. Das BIP sagt nichts über die Verteilung von Einkommen und Vermögen aus, nichts über das Maß sozialer Gerechtigkeit in der Gesellschaft.

Entscheidend bei der Wahl der Indikatoren ist auch die internationale Vergleichbarkeit. Ein Wert von beispielsweise 3,5 beim Indikator „Nachhaltigkeit“ sagt wenig aus, wenn man ihn nicht mit den Werten anderer Länder vergleichen kann. Doch die Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen. Wie das „Dashboard“ (englisch für „Instrumententafel“) am Ende aussieht, steht noch nicht fest.

So viel zum Inhalt. Sind die Eckpfeiler, die den Wohlstand in Deutschland messen sollen, erst einmal bestimmt, geht es um die Messung selbst. Wie drückt man ökologische Nachhaltigkeit in Zahlen aus? Wer übernimmt die Messung? Und wie oft wird gemessen? Fragen, die zum Großteil noch offen sind. Klar ist, dass die Arbeit wohl an den statistischen Bundesämtern hängen bleibt. Mehr Bürokratie bedeute dies aber nicht, betont Carstensen. „Es macht keinen Sinn, solche Indikatoren pro Monat oder Quartal zu aktualisieren.“ Denkbar wäre eine Messung pro Jahr, die sich überwiegend aus Daten speist, die ohnehin vorhanden sind.

Noch vor Ende der Legislaturperiode möchte der Bundestag Ergebnisse sehen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Enquete-Kommission der Politik nicht wie gewünscht einen, sondern mehrere Indikatoren vorstellen wird. Die Debatte um die Messung von Wohlstand wird wohl auch nach dem Abschlussbericht weitergehen.

Manuela Dollinger

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