Lage bei Alitalia wird immer dramatischer

- Rom (dpa) - In einem dramatischen Appell hat der italienische Ministerpräsident Romano Prodi vor einem Aus der Fluglinie Alitalia gewarnt. "Die Lage ist vollständig außer Kontrolle geraten", sagte Prodi nach Angaben von Gewerkschaftsvertretern bei einer Krisensitzung in Rom.

"Wir haben bis Januar Zeit, um mit einer gemeinsamen Lösung einen Zusammenbruch zu verhindern", fügte er hinzu. "Alitalia durchlebt derzeit die schwierigste Zeit ihrer Geschichte." Zugleich deutete er an, dass die seit Jahren marode Gesellschaft nicht auf weitere Staatsgelder hoffen kann - auch ein Scheitern der Bemühungen schloss er nicht aus. In dem Mittelpunkt einer Sanierung stehe die Suche nach einer "strategischen internationalen Partnerschaft".

Dramatischer hätte der Auftritt beim Treffen von Regierung und Gewerkschaften nicht sein können. Zwar ist das Alitalia-Desaster seit langem bekannt, diverse Anläufe zur Krisenbewältigung blieben in den vergangenen Jahren ohne durchschlagenden Erfolg. Doch Prodi legte am Dienstag den Finger ganz bewusst in die Wunde: "Es macht keinen Sinn, von Sanierung und Kapitalerhöhung zu sprechen, ohne eine nationale und internationale Strategie zu haben." Das klingt wie eine Ohrfeige für das Management. Kern der Misere: Der Flieger habe in den vergangenen Jahren im In- und Ausland Marktanteile verloren. Schuld sind wohl vor allem die Billigflieger.

Erst vor einigen Tagen gab es ein weiteres trauriges Kapitel in der unendlichen Alitalia-Saga: Unternehmenschef  Giancarlo Cimoli räumte in aller Öffentlichkeit ein, dass man nicht mehr Gewinn bringend arbeiten könne. "Je mehr wir fliegen, desto mehr verlieren wir Geld." Das las sich nach Ansicht von Kritikern fast schon wie ein Todesurteil.

Tatsächlich hatte Alitalia die Zahl der Passagiere im ersten Halbjahr 2006 um 3,1 Prozent auf 11,7 Millionen erhöht. Das klang zunächst einmal recht Erfolg versprechend. Doch zugleich nahmen auch die operativen Verluste dramatisch zu - von 83, 8 Millionen Euro in den ersten sechs Monaten 2005 auf 131,8 Millionen im ersten Halbjahr 2006. "Wir brauchen eine radikale Änderung des Systems, sonst steht das Überleben der Alitalia auf dem Spiel", meinte Cimoli.

Doch eine radikale Änderung sucht das Unternehmen schon seit über zehn Jahren. Lange setzte Alitalia auf eine "strategische Partnerschaft" als Allheilmittel, Jahre lang hoffte man in Rom auf ein Zusammengehen mit Air France. Zwar schlossen beide Unternehmen 2002 eine Handelspartnerschaft, doch vor einer weiteren Liaison zierten sich die Franzosen. Vor zwei Jahren wurde dann eine weitere Reform eingeleitet, die hätte Rettung bringen sollen: Demnach sollten 3700 Stellen (von insgesamt 20 000) abgebaut werden, Piloten und andere sollten länger arbeiten und weniger verdienen - und dann gab es noch die Kapitelerhöhung von gut einer Milliarde Euro. Doch der Erfolg blieb bislang aus.

Jetzt wies Prodi die Richtung: Vor allem komme es darauf an, sich wieder "auf den Kunden" zu konzentrieren. Bisher gibt das Bordpersonal Alitalia-Passagieren bei Flügen nicht selten den Eindruck, eher lästig zu sein. Eine strategische Partnerschaft wiederum ist für Prodi auch eine "politische Frage" - schließlich gehe es dabei auch um Ansehen und Glaubwürdigkeit der Regierung.

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