Landet der Grüne Punkt gänzlich im Müll?

Berlin - Soll der Grüne Punkt unbrauchbar in den Müll? Oder ist er wertvoller Rohstoff, der nur wiederaufbereitet werden muss? Ein Experten-Streit entzweit nun auch die Berliner Politik.

Michael Glos hat neuerdings viele neue Kritiker, Menschen, die ein Wirtschaftsminister eigentlich als Freunde braucht. Es sind Vertreter der Entsorgungswirtschaft. Diese könnten durch Glos viel Geld verlieren. Denn der Minister erwägt, die gelben Säcke und Tonnen samt dem dazugehörenden Grünen Punkt in den nächsten drei Jahren abzuschaffen. Beides sind für die Entsorgungswirtschaft bares Geld.

Unterstützung bekommt sie von ungewohnter Seite: Umweltminister Sigmar Gabriel will den Grünen Punkt ausweiten. Unternehmen, die sich mit Rückendeckung der EU aus dem Verpackungsmüll-Sammelsystem verabschiedet haben, sollen wieder unter dessen Joch gezwungen werden. Für die Beteiligten bedeutet das mehr Geld. "Für die Verbraucher ändert sich nichts", verspricht Gabriel.

Er unterschlägt aber, dass Produkte, die zwangsweise in den Grünen Punkt einbezogen werden, teurer werden. Denn bisher können sich Händler auch einem anderen Verwertungssystem anschließen oder einfach Tonnen für Verpackungsmüll aufstellen und so Gebühren sparen.

Die meisten Bürger kaufen täglich Waren mit dem Grünen Punkt. Die wenigsten wissen, dass sie jedes Mal dafür zahlen. Wenige Cent pro Verpackung, doch in der Summe wird daraus ein Milliardengeschäft. Das Geld in Form von Lizenzgebühren kassiert eine Gesellschaft Namens "Duales System Deutschland" (DSD), die 1990 im Rahmen der damals verabschiedeten Verpackungsverordnung dafür gegründet wurde, Verpackungsmüll einzusammeln und diesen einer Verwertung zuzuführen. Aus Leberwurstdosen sollten in einem zweiten Leben Autotüren werden und aus Spülmittelflaschen hübsche Parkbänke. Anfangs war DSD staatlich, ist aber inzwischen privatisiert worden.

Dazu gibt es je nach Ort einen gelben Sack oder eine gelbe Tonne, in denen Verwertungsunternehmen im Auftrag des DSD von den Bürgern brav vom Müll getrennte Verpackungen sammeln. Die gelben Entsorger agieren aber nicht überall. Die Stadt München beispielsweise nimmt die Verpackungen im Rahmen der normalen Entsorgung ab (und kassiert vom DSD dafür Geld).

Mittlerweile sind Rohstoffe etwas wert, und das Sortieren lohnt sich - zumal verbesserte Maschinen diese Arbeit heute erleichtern. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Bürger der Mülltrennung verweigern - oft landen Kartoffelschalen und Spülmittelflasche gemeinsam in einer Tonne. Und hier setzt der Glos-Vorschlag an. Wenn in den unterschiedlichen Tonnen alles durchmischt landet, wäre es sinnvoller, gleich alles in eine Tonne zu werfen, dann zu sortieren und was übrigbleibt zu verwerten. Neue besonders wirksame Sortierautomaten hätten den Grünen Punkt daher überflüssig gemacht.

Doch die Gegner haben auch gute Argumente. Landet beispielsweise diese Zeitung neben der Sardinendose in eine Tonne und bekommt einen Tropfen Öl ab, dann ist sie auch nach bestmöglicher Trennung für die Gewinnung neuen Zeitungspapiers nicht mehr zu gebrauchen.

Gegen den gelben Sack sprechen auch einige systembedingte Ungereimtheiten. So kommt nach den Regularien der Verpackungsverordnung zwar die Spülmittelflasche in den gelben Sack, die aus dem gleichen Kunststoff gefertigte Gießkanne muss dagegen im Hausmüll enden. Dagegen gehört die Pappschachtel, in der Champignons verkauft wurden, in den gelben Sack, obwohl sie im Hausmüll weit besser aufgehoben wäre.

Das eigentliche Ziel hat die Verpackungsverordnung ohnehin nie erreicht: Sie sollte überflüssige Verpackungen teuer machen und per Abschreckung zu deren Vermeidung beitragen. Teurer wurden sie, weniger nicht.

Gelber Müll:

Grundlage der ganzen Diskussion um den Grünen Punkt, gelbe Tonnen und das Duale System bildet die Verpackungsverordnung (VerpackV), die 1991 ins Leben gerufen wurde. Darin werden verschiedene Verpackungsarten klassifiziert. Beim Thema Grüner Punkt geht es um Verkaufsverpackungen. Das sind Verpackungen, die "als eine Verkaufseinheit angeboten werden und beim Endverbraucher anfallen" (§ 3 Abs. 1 Nr. 2 VerpackV).

Bislang sind Hersteller oder Vertreiber der Produkte verpflichtet, entweder die Verpackungsabfälle im Geschäft oder in der unmittelbaren Nähe zurückzunehmen (sog. Selbstentsorger) oder sich an einem flächendeckenden System zu beteiligen, das die Verpackungsabfälle beim privaten Endverbraucher oder in dessen Nähe abholt (sog. Duale Systeme). Der Grüne Punkt ist eine geschützte Marke der Duales System Deutschland (DSD) GmbH. Die "punktierten" Kunststoffe werden in gelben Säcken oder Tonnen gesammelt und von der DSD entsorgt. Mittlerweile wird allerdings für gut 40 Prozent der Verpackungen nicht mehr an das DSD bezahlt. 

mm

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Apple verklagt Chip-Zulieferer Qualcomm
San Diego - Smartphones brauchen eine Funkverbindung. Im Geschäft mit Chips dafür ist der US-Konzern Qualcomm besonders stark. Zuletzt geriet er zunehmend ins Visier von …
Apple verklagt Chip-Zulieferer Qualcomm
Air Asia treibt Pläne für Europa-Verbindungen voran
Davos/Kuala Lumpur (dpa) - Die malaysische Billigfluglinie Air Asia will im Sommer ihre Flüge nach Europa wieder aufnehmen. Zunächst sei eine Strecke von der …
Air Asia treibt Pläne für Europa-Verbindungen voran
Stürzt Trump die Welt in einen „Handelskrieg“?
Washington - Tiefschwarze Szenarien machen die Runde: Die neue US-Regierung könnte die Welt in einen „Handelskrieg“ stürzen. Es gibt viele Fragen und vorerst nur einige …
Stürzt Trump die Welt in einen „Handelskrieg“?
18.000 demonstrieren gegen "Agrarindustrie"
Berlin - Anlässlich des Beginns der Agrarmesse "Grüne Woche" haben Tausende in Berlin unter dem Motto "Wir haben es satt!" für eine Neuausrichtung der Landwirtschaft …
18.000 demonstrieren gegen "Agrarindustrie"

Kommentare