Der lange Arm des Häftlings

- Freising - "Viel Spaß" verheißt das Transparent vor der Versammlungshalle. Drinnen gibt's kostenlos Kaffee in Tassen von der Disco nebenan. Bäumchen stehen vor der Bühne. "Das wird lustig heute", raunt ein Aktionär und schiebt sich an stiernackigen Sicherheitsleuten vorbei. Die Comroad AG hält Hauptversammlung. Bis zum ersten Eklat sind es nur 40 Minuten.

<P>Eklat bei Comroad: Ex-Chef sitzt, Schwamm schwitzt, Masse tobt</P><P>Der frühere Vorstandschef ist leider verhindert. Bodo Schnabel, kreativer Kopf der AG, wird an dieser und den nächsten sechs Hauptversammlungen nicht teilnehmen. Wäre auch kein Vergnügen. Im Saal sitzen zweihundert der Aktionäre, die Schnabel um ihre Vermögen betrogen hat. Fast hundert Millionen Euro Umsatz des Telematik-Konzerns hatte er erfunden, den Kurs getrieben und sitzt dafür noch knapp sieben Jahre in Haft.</P><P>Sein Nachfolger Hartmut Schwamm hat ein dickes Manuskript und einen üblen Tag vor sich. Die Versammlung legte er in die Ferien und nach Freising (wo man ihn nur gegen Vorkasse bewirtet), lud Journalisten nicht ein und scheute Aufsehen. Die Kleinaktionäre kommen trotzdem und beschimpfen ihn munter.</P><P>Nix gewusst und nix gemerkt habe er von Schnabels Lügen, beteuert der langjährige Technik-Vorstand. Jetzt ist der vertrauensselige Elektroingenieur Alleinvorstand mit gut 200 000 Euro Jahresgehalt. "Der muss ja geschnarcht haben", brüllen Aktionäre, "wie jetzt".<BR>Schwamm schnarcht nicht, er steht schwitzend in der stickigen Halle, leiert Zahlen runter, verhaspelt sich und hat falsche Unterlagen auslegen lassen. Aufsichtsratschef Achim Walk, Leiter der skurrilen Versammlung, ruft die schäumenden Geprellten zur Ordnung. Fünfmal. "Wenn Sie uns beschimpfen, bringt das Ihr Geld auch nicht zurück." Dann droht er mit den Sicherheitsleuten. "Wegen offenkundiger Unfähigkeit" wollen ihn die Aktionäre absetzen. Walk lehnt den Antrag selbst ab.</P><P>Der 43-Jährige bittet die Kleinaktionäre dann um Rücknahme ihrer Klagen gegen die Unterschleißheimer AG. Das würde, so deutet er an, die Gesellschaft in den Ruin treiben. Ob eine Insolvenz mittelfristig zu verhindern ist, bleibt aber fraglich. Bisher sind noch gut 18 Millionen Euro in der Kasse, täglich schrumpft der Bestand. Beifall bekommt Walk nur, als er von der Klage gegen die Wirtschaftsprüfer von KPMG berichtet. Die müssten jahrelang alle verfügbaren Augen zugedrückt haben.</P><P>"Die wildesten Albträume wurden in dieser Firma erfüllt", grollt Aktionärsschützerin Claudia Geercken. "Alles, worin wir hier investiert haben, ist tot", sagt ihr Kollege Harald Petersen. Der alte Aufsichtsrat, der nach Schnabels Festnahme im März 2002 zurücktrat, habe komplett versagt. Derzeit füttere Comroad vor allem Anwälte durch: "Alles unser Geld, was hier verfrühstückt wird."</P><P>Die meisten Kleinaktionäre könnten beim aktuellen Kurs - 16 Cent - mit ihrem Depot nicht mal das Mittagessen bezahlen. Einer kann: Häftling Schnabel. Seine Familie hält, heißt es, 54 % der Stimmrechtsanteile und macht die Hauptversammlung so zur Farce. Über mindestens drei Treuhänder stellt er die Mehrheit der Stimmen. Die Entlastung dürfte kein Problem werden.</P><P>Vorstand Schwamm verkündet derweil tapfer die Fortführung der Gesellschaft. Der Vertrieb soll als "Phoenix GmbH" aus der Asche auferstehen. Für 2005 prophezeit Schwamm Gewinn. Für einen Moment ist Ruhe im Saal. Dann lachen ihn die Kleinaktionäre aus.<BR></P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Yahoo-Übernahme durch Verizon verzögert sich
New York (dpa) - Der Yahoo-Kaufinteressent Verizon hat im Schlussquartal 2016 einen Dämpfer einstecken müssen. Umsatz und Gewinn sanken im Vergleich zum …
Yahoo-Übernahme durch Verizon verzögert sich
Berlin erwartet Job-Rekord und Konjunkturplus
Die schwarz-rote Koalition kann im Wahljahr 2017 wohl nochmals mit einem Höchststand bei der Beschäftigung und einem soliden Wirtschaftswachstum punkten. Es gebe aber …
Berlin erwartet Job-Rekord und Konjunkturplus
Brexit-Urteil: Ökonomen erwarten keine Kursänderung Londons
Die britische Regierung darf die Scheidung von der Europäischen Union nicht im Alleingang durchziehen. Kann die Beteiligung des Parlaments einen Brexit noch verhindern? …
Brexit-Urteil: Ökonomen erwarten keine Kursänderung Londons
Profitable Medizintechnik: Philips verdient deutlich mehr
Für den niederländischen Philips-Konzern zahlt sich die Konzentration auf das Geschäft mit Medizintechnik aus. Doch hier droht in einem wichtigen Segment möglicherweise …
Profitable Medizintechnik: Philips verdient deutlich mehr

Kommentare